"Wir sind nicht im Exil, wir sind auf einer Mission“, schrieb die russischen Dichterin Sinaida Gippius, die 1919 über das Eis des finnischen Meeresbusens vor dem bolschewistischen Terror floh. Die erste russische Emigration wollte Zeugnis von den kommunistischen Gräueltaten ablegen und die große russische Kultur hinüberretten, um irgendwann später zurückkehren und zerrissene Fäden wieder zusammenknüpfen zu können.
Der Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn, der nach der Veröffentlichung des „Archipel Gulag“ 1974 kurzzeitig inhaftiert und dann aus der Sowjetunion ausgewiesen wurde, trat bewusst in ihre Fußstapfen. Nach zwei Jahren in der Schweiz siedelte der unfreiwillige Emigrant mit seiner Familie in die USA über, wo er sich im Staat Vermont an der kanadischen Grenze niederließ und bis zu seiner Rückkehr nach Russland 1994 lebte.
Glücklich in Vermonter Abgeschiedenheit
Die Erinnerungen an diese Zeit liegen nun dem Leser vor. Auf einem abgelegenen Vermonter Gut setzte Solschenizyn sein historisches Epos „Das rote Rad“ fort, zog seine Kinder groß und beschäftigte sich mit dem „Russischen Gesellschaftlichen Fonds“, der den politischen Gefangenen in der Sowjetunion beistehen sollte.
In all seinen Unternehmungen stand ihm seine Frau Alja zur Seite, die er nun nicht genug zu loben weiß. Als Redakteurin, Sekretärin und Mutter, gelang es ihr, die familiäre Atmosphäre zu schaffen, die Entfremdung und Unbehagen am Westen, diese notorischen Emigranten-Plagen, auszugleichen vermochten.
Zumal der Autor des „Gulag“ sich wie ein Einsiedler fühlte, der ein Leben im „Nirgendwo“ führt und an akutem Heimweh leidet, von dem ihn nicht einmal der Schnee heilen konnte. Nie in den USA heimisch geworden, verbringt er in seiner Vermonter Abgeschiedenheit jedoch die „sechs glücklichsten Jahre seines Lebens“.
Eine Unperson der Siebzigerjahre
Allerdings kollidiert sein Bedürfnis nach ungestörter Arbeit an seinem grandiosen Epos mit seiner „historischen Mission“. Als öffentliche Autorität stand er in der Tradition der russischen Literatur und sah sich gezwungen, der Welt die Augen für die drohenden Gefahren zu öffnen.
Heute ist schon in Vergessenheit geraten, dass Solschenizyn gerade als Prophet und Moralist in den Siebzigerjahren zur Unperson für den linksliberalen Mainstream in den USA und in Europa wurde. Auch die neuen Emigranten der sogenannten dritten Welle verhöhnten den Gulag-Autor als demokratie-untauglichen Nationalisten, Antisemiten und Westenhasser.
Leider scheint Solschenizyn nicht willig oder nicht imstande zu sein, wenigstens auf einigen Seiten die politische und öffentliche Atmosphäre der „Entspannung“, die er selbst ablehnte, lebendig zu machen. Denn diese historisch sehr nahe Phase des Kalten Kriegs rückte selbst für Zeitgenossen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und nach dem 11.September 2001 in weite Ferne.
Solschenizyn wühlt in der Vergangenheit
Statt dem heutigen Leser seine damaligen Ansichten noch einmal vor Augen zu führen, das Wesen der Kontroversen und den Verlauf der „Frontlinie“ zu erörtern, widmet Solschenizyn, der sich verleumdet und unverstanden fühlte, Hunderte von Seiten seinen seelischen Wunden und Demütigungen.
Er lässt Dutzende von profilierungs- und profitsüchtigen „Schuften“, deren Namen lediglich für Historiker von Interesse sind, Revue passieren und zitiert ausführlich aus ihren „Lügengeschichten“. Etwas systematischer geht er auf die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und Andrej Sacharow und die Entzweiung mit Lew Kopelew ein, dem Nerschin aus dem „Ersten Kreis der Hölle“.
Sacharow wird wegen seiner äußerst „naiven“ politischen Ansichten kritisiert und dafür, dass sein Konzept der Menschenrechte die Interessen des russischen Volks nicht berücksichtige: Er „fühle keinen russischen Schmerz“. Sein Freund Kopelew verbreitete über ihn Lügen und warf ihm Antisemitismus vor. Diese Ungeheuerlichkeiten kann er sich nur mit Neid auf seine Erfolge erklären. Noch schlimmer trifft es den „Werwolf“ Andrej Sinjawskij, der die Literatur Solschenizyns stilistisch mangelhaft fand und ihn selbst als Ayatollah verunglimpfte. Da Sinjawskij frühzeitig aus dem Straflager entlassen wurde, dichtet ihm Solschenizyn eine Liaison mit dem KGB an, ohne zu merken, dass er dieselben Mittel gebraucht wie seine Peiniger.
Sein Gefühl, nicht verstanden zu werden
Besonders zu schaffen machten Solschenizyn die Strafverfahren, welche von den von ihm „beleidigten“ Autoren und Biografen gegen ihn angestrengt worden waren. Die amerikanische und britische Justiz ließen ihn an der westlichen Meinungsfreiheit zweifeln: „Jeder Schreiberling darf Lügen über mich drucken lassen“, und die juristischen Kompromisse zwischen Kläger und Angeklagten empfand er als Erniedrigung.
Das Gefühl, im Westen nicht verstanden zu werden, und seine Verachtung der amerikanischen Massenmedien verführte ihn zu dem größten Fehler seines Exils: Er lehnte den Vorschlag von Marvin J. Chomsky, dem Regisseur der berühmten Serie „Holocaust“ ab, den „Archipel Gulag“ zu verfilmen.
In Solschenizyns Memoiren bleibt das Wesen des Konflikts zwischen dem Westen und ihm nur unscharf umrissen. Doch es besteht nur wenig Zweifel daran, dass die konservativen Ansichten eines orthodoxen Nationalisten, der dem Westen Feigheit und Dekadenz vorwarf, der die gelbe Gefahr witterte und das russische Volk verklärte, in der damaligen Atmosphäre der Entspannung Befremden auslösen mussten.
Der Autor überzeugt nicht mit Vorwürfen
Jedenfalls weist Solschenizyn die westlichen Einwände gegen sein Weltbild als Verleumdung zurück und setzt sich mit den Argumenten seiner Kritiker nicht auseinander: Zu oft fehlt seinen Vorwürfen die Überzeugungskraft.
Der suggestive, rechthaberische Stil dieses Moralisten ist nicht auf eine Debatte, sondern auf einen Wahrheitsanspruch ausgerichtet. Dank der kongenialen Übersetzung von Andrea Wöhr und Fedor B. Poljakov bekommt der Leser einen Eindruck von dem umständlichen, antiquierten Idiom des Schriftstellers und seinem Pathos.
Doch allmählich schält sich aus dem Nebeneinander der Ereignisse, aus den Erlebnissen, Briefen, Asienreisen, Gedanken und Gefühlen die widersprüchliche und beeindruckende Persönlichkeit Alexander Solschenizyns heraus – und das ist der Hauptertrag der Memoiren.
Es dämmert einem zum Schluss, welche Schwächen die wahren Stärken seines Charakters sind, warum er allein in den hoffnungslosen Kampf gegen den Drachen des Kommunismus zog, nur um am Ende den schwer errungenen Sieg an die unbelehrbare Geschichte zu verspielen. Es ist dem Leser anheim gestellt, sich auf die Spuren der Solschenizynschen Dialektik zu begeben.
Alexander Solschenizyn, "Meine amerikanischen Jahre", LangenMüller, München. 571 S., 39,90 Euro




