Fotografie

So schön und farbig war Deutschland früher

Nürnbergs alte Synagoge, Bremens zerstörtes Kornhaus und Kölns Dom ohne Hochhäuser drumherum: Farbfotos aus der Zeit vor 1930 sind eine kleine Sensation. Eine kleine Berliner Firma hatte ein Monopol darauf, jetzt liegen 1400 Bilder auf CD-Rom vor. Der Betrachter taucht in vergangene Welten ein.

Foto: Zenodot

Vor dem Krieg waren Deutschlands Städte schwarzweiß. Nach dem Krieg waren sie bunt, aber zerstört. Die Farbfotografie kam für viele Stadtbilder zu spät. Unser Denken über ihr Aussehen vor 1945 ist durch Schwarzweißbilder geprägt. Gemalte Ansichten aus der Zeit sind meist impressionistisch oder expressionistisch verfremdet. Als Abbild und damit als historische Erinnerung fungieren sie kaum.

Doch viel früher als uns heute bewusst ist, gelang es, Farbfotos zu machen. Die Berliner "Verlagsanstalt für Farbenphotographie Carl Weller" hatte bis in die Dreißigerjahre beinahe ein Monopol auf die Veröffentlichung von Bildbänden mit Eindrücken aus deutschen Landen.

Mit Überblendungen zum Farbbild

Mehr als 1400 dieser bis 1930 entstandenen und heute meist vergessenen Fotos wurden jetzt auf einer CD-Rom gesammelt. Sie zeigen die verschwundenen Schlösser von Berlin und Potsdam, das zerstörte Bremer Kornhaus, die Münchner und Nürnberger Synagoge, Dresdens schwarzbraune Frauenkirche, den Abbruch der alten Hamburger Arbeiterviertel, Landschaften von Nord bis Süd, Ost bis West.

Dabei handelt es sich nicht um nachkolorierte Motive, sondern um farbechte Fotos. Seit der Erfindung der Fotografie versuchten sich Chemiker und Physiker an Farbaufnahmen. Die erste datiert schon auf 1861. Nach Anfangserfolgen fand sich für viele Probleme aber lange keine Lösung.Erst 1902 entwickelte der Berliner Chemiker Adolf Miethe ein Verfahren, das die tonwertrichtige Wiedergabe der Farben garantierte. Miethe nahm ein Motiv auf drei Schwarz-Weiß-Fotoplatten auf, denen jeweils eine Filterplatte in rot, blau und gelb vorgesetzt war. Danach wurden von den Bildern Positive gefertigt und durch die gleichen Farbfilter projiziert durch die sie aufgenommen wurden. Mittels Überblendung entstand ein Farbbild.

Eine Kamera, ein Zentner Gewicht

Der Aufwand war gewaltig. Da immer drei Bilder gemacht werden mussten, waren nur Motive geeignet, die stillhielten. Menschen, Tiere, schon Bäume im Wind und fließendes Wasser machten Probleme. Ein Schnapsschuss - undenkbar. Darüber hinaus brachte es Miethes Naturfarbenkamera im Gehäuse des Berliner Tischlers Wilhelm Bermpohl bis auf einen Zentner Gewicht.

Fotografieren in Farbe war Schwerstarbeit. Wahrscheinlich waren die meist unbekannten Fotografen des Weller-Verlages mit einer Bermpohl-Kamera unterwegs. Noch 1929 beschreibt Julius Hollos das Drei-Bild-Verfahren. Erst 1936 brachten Agfa und Kodak moderne Dreischichtenfilme auf den Markt. Zum Massenprodukt wurde die Farbfotografie aber erst nach dem Krieg.

Es gehört zu den auffallendsten Charakteristika der Fotosammlung, dass zwischen dem, was heute gefällt und dem, was der Betrachter vor 1930 offensichtlich als schön empfand, überhaupt kein Unterschied besteht. Ein pittoreskes, kleinteiliges Stadtbild, enge, verwinkelte Gassen, die in großen Gesten hingebauten Burgen und Schlösser der Feudalzeit oder die Kathedralen, die über dem Bürgerhäusermeer thronen, das sind die Motive, die von den Fotografen festgehalten wurden. In Anbetracht dieses ästhetischen Einklangs zwischen dem Vorgestern und dem Heute fragt man sich, woher die Abrisswut der Nachkriegsjahre kam, warum das Gestern sogar leicht oder mäßig beschädigte Gebäude beseitigt hat.

Verheerende Wohnsituation in den Altbauten

Eine Antwort deuten die prächtigen Bilder allenfalls an, denn sie zeigen das soziale Elend und die hygienischen Zustände in den alten Städten meist nur am Rande. Eines der beeindruckendsten Fotos der Sammlung dokumentiert den Abriss des Hamburger Niedernstraßenviertels im Jahr 1927. Die Cholera war in den engen, feuchten Gassen immer wieder ausgebrochen. Hier zu leben war eine Zumutung.

Komfort hatte es auch im Brahms-Haus in Hamburg nicht gegeben. Auf dem Foto von 1927 blicken viele Gesichter aus dem Geburtshaus des Komponisten, das 1943 dem Feuersturm zu Opfer fiel. Es sind vor allem junge Menschen, nur ein Hausvater ist darunter. In dem Gebäude lebten bis zu zehn Familien, die Fenster sind windschief, die unverputzten Ziegelmauern schmutzig. Dicht an dicht stehen die Häuser hier im Specksgang, Wäsche hängt im Freien.

Seuchen konnten schnell die Runde machen, aber auch Brände, die von den Bomben des Weltkriegs ausgelöst wurden. Diese traumatische Erfahrung nahmen die Menschen in die Nachkriegszeit mit und schufen Raum zwischen den neuen Häusern. Das Bild des Brahms-Hauses löst heute dennoch Melancholie aus, weil es suggeriert, dass hier soziale Wärme und Nähe normal gewesen sind. Die quadratisch praktischen Nachkriegssiedlungen sorgten bald für Einsamkeit und Vereinzelung.

Verblüffenderweise sind unter den Prunkfotos auch Aufnahmen von Industriestandorten: die Völklinger Hütte, das Hochofenwerk Herrenwyk bei Lübeck oder die Norddeutsche Hütte bei Bremen. Sie waren der Stolz der Epoche. In ihrer Ästhetik unterscheiden sich die Bilder kaum vom Heimatkitsch. Zu Füßen der Hüttenwerke ruhen grüne Wiesen oder sanfte Gewässer, darüber prangt der blaue Himmel. Die Stahlwerke sind die einzige Reverenz an die Moderne. Für Bauhaus, Weißenhofsiedlung oder Einsteinturm, dafür hatten die Fotografen und vor allem ihr Publikum noch kein Auge.

Deutschland in frühen Farbfotografien (PC+MAC), CD-Rom, Directmedia, ca. 19,90 Euro.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.