U-Boote im Canale Grande, Raketenabschußrampen auf dem Petersplatz, und vom Olymp erhebt sich eine Pershing 2. "Besuchen Sie Europa, solange es noch steht", lautete in friedensbewegten Zeiten der Refrain, und die Band, die ihn sang, Geier Sturzflug, war so fixiert auf den Atompilz, daß sie die Flechten der Globalisierung nicht sah. Dabei arbeitet jener "Koch aus Übersee", der im Song die "alte Welt flambiert", heute wahrscheinlich bei McDonald's. Angeblich übrigens hatten sich Geier Sturzflug vom Slogan eines amerikanischen Touristikunternehmens inspirieren lassen, das so für seine Europareisen warb. Und die Logik dahinter? Der Dodo wurde ja auch erst zu einem Sehnsuchtsvogel, nachdem er ausgestorben war.
Was insofern zur Sache tut, als derzeit ein paar besonders fette Dodos über die amerikanischen Bestsellerlisten hüpfen. Es war Dan Brown, der das Potential des Sehnsuchtsorts Europa erkannte und in seinen Romanen "Sakrileg" oder "Illuminati" seine flachen Charaktere auf die Hügel Roms und in die Keller des Louvre schickte, und es war eine noch völlig unbekannte Autorin namens Elizabeth Kostova, die Browns "Da Vinci Code" (wie "Sakrileg" in der anglo-amerikanischen Fassung heißt) in der 118. Woche seiner Regentschaft vom Thron des Mystery-Thrillers stürzte.
Der amerikanische Buchmarkt ist seitdem ganz aufgeregt: Weil die Wirtschaftsthriller eines John Grisham und die Wissenschaftsthriller eines Michael Crichton nicht mehr ganz so funktionieren wie gewohnt, braucht man dringend neue Namen.
Jetzt ruhen die Hoffnungen auf Frau Kostova. In einer viel beachteten Auktion ging ihr in vieljähriger Arbeit entstandener Debütroman "Der Historiker" für zwei Millionen Dollar an Little, Brown, und am 3. Juli war die Spitze der "New York Times"-Bestsellerliste erreicht. Jetzt ist das Buch auch auf deutsch erschienen, und wir dürfen prüfen, welcher Koch hier was flambiert. Kostovas Rezept: Besuchen Sie Europa, so wie es einmal war.
Der selbstbewußte Europäer allerdings hat an Kostavas Speise erst mal schwer zu schlucken. Dan Browns Leonardo ging runter wie Öl, aber daß Kostova ausgerechnet den Grafen Dracula als europäischen Fremdenführer engagiert, riecht schon fast nach Schierlingsbecher. Und doch ist es so: Die Autorin hat Chuzpe genug, eine vermeintlich völlig verbrauchte, von Bram Stoker verkitschte und vom Kino durchgenudelte Figur wiederzubeleben.
Aber Geschichtsfixierung und Geschichtsvergessenheit gehen Hand in Hand und machen es möglich: In den Strukturen des Mystery-Thrillers à la Brown erlebt Dracula sein strahlendes Comeback. Das Unbehagen in der Unkultur muß groß sein, so groß, daß sogar Vlad der Pfähler als Repräsentant einer Kulturlandschaft gelten kann.
Und um die geht es zuallererst. Kostova ist kein bißchen auf Horror aus, nicht mehr als eine "Tasse Blut" will sie verschütten. Zwar huschen immer mal wieder Wölfe, Spinnen, dunkle Gestalten durchs Bild (was tatsächlich sehr wirkungsvoll ist), vor allen Dingen aber geht es um Bibliotheken, Basare und Baudenkmäler. Kostova inszeniert eine Bildungsreise, und zuweilen kommen einem ihre Figuren vor wie eifrig posierende Touristen.
Man sieht sie vor der Hagia Sophia des alten Konstantinopel, vor frühneuzeitlichen Kaufmannshäusern in Amsterdam oder mittelalterlichen Klöstern in Frankreich, man sieht sie in den Innenhöfen ehrwürdiger Oxford-Colleges oder vor dem Burgberg von Buda. Und je weiter nach Osten die Reise geht, desto "authentischer" wird es, ganz so, als hätte der Eiserne Vorhang das alte Europa konserviert. Es ist einer der unauffälligeren Tricks der Autorin, der Gegenwart nur bis ins Jahr 1972 auf den Leib zu rücken. Kapitalismusforscher lassen die McDonaldisierung üblicherweise anno '74 beginnen.
Und der Graf selbst? Ist seinen falschen Titel, seine romantische Ader, die viktorianischen Kulissen Transsylvaniens los. Kostovas Bezüge auf Stoker sind allenfalls ironischer Natur, sie interessiert sich allein für Vlad III. Draculea, geboren 1431 in Schäßburg und gemordet 1477 wohl in Snagov, dreimaliger Woiwode, das heißt Fürst der Walachei. Die Quellenlage ist nicht besonders, Kostova aber kennt sie recht genau. Sie phantasiert über Vlads Geiselhaft in Istanbul und Budapest und schickt ihre ermittelnden Historiker (einen Professor, einen Diplomaten, eine aufgeweckte Schülerin) viel lieber in staubige Archive als in die windumtosten Adlerhorste der "gothic novel". Dabei erzählt sie vom sadistischen Pfähler Vlad "Tepes" ebenso wie vom erbitterten Krieger, der seine "Kultur" mit wechselnden Verbündeten entschlossen gegen die Osmanen verteidigt. Das mag, denkt man ein bißchen um die Ecke, politisch nicht ganz korrekt sein, historisch immerhin entspricht es den Tatsachen.
Als die Besiedlung Amerikas begann übrigens, trieb der Puritaner Cotton Mathers die Idee der "translatio studii", die Überzeugung, daß die Kultur von Ost nach West wandere, so weit, daß er behauptete, die Sonne würde im Westen aufgehen. Ein paar hundert Jahre später nun schaut man wenigstens von Amerikas Bestsellerlisten aus wieder nach Osten, in der Hoffnung vielleicht, dort möchten die Städte auf den Hügeln noch nicht ganz so grell leuchten. "Ich sehnte mich", so steht es bei Kostova, "nach jenen anderen Orten, jenen sonderbaren alten Orten, die ich nie gesehen hatte."
Elizabeth Kostova: Der Historiker. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Bloomsbury Berlin. 826 S., 28 Euro.




