Opernprojekt

Hagel plant "Zauberflöte" in Geisterbahnhof

Der Produzent und Dirigent Christoph Hagel will Mozarts "Zauberflöte" im U-Bahnhof "Bundestag" aufführen. Die Berliner Verkehrsbetriebe sind Kooperationspartner dieser ungewöhnlichen Opernproduktion. Mitglieder ihres Chores singen mit und Tickets gibt es an normalen Fahrkartenschaltern zu kaufen.

Foto: Tocc Concept GmbH

Geisterbahnhöfe gibt es einige unter der schnieken Metropolenoberfläche. In Berlin waren sie zumeist politische Opfer der Teilung, aber auch nach der Wiedervereinigung kommt gelegentlich ein neuer Bahnhof der Betriebslosigkeit hinzu. Die Kanzler-U-Bahn ist einer jener modernen politischen Mysterien: Jetzt wird der leergefegte U-Bahnhof „Bundestag“ – der bereits mehrfach unter dem Planungsnamen „Reichstag“ als Kulisse für Filmdrehs und Kulturevents diente – der Bestimmung als Oper im Stagione-Betrieb übergeben. Dort wird der Berliner Dirigent Christoph Hagel vom 25. April bis zu 24. Mai „Die Zauberflöte“ aufführen. Jeweils 600 Besucher sollen einen Sitzplatz zwischen den unbefahrenen Gleisen finden.

Student Tamino findet ein Passfoto

Heraufbeschwören will Hagel, der zugleich bei seinem neuen Opernprojekt als Regisseur antritt, eine hippe metropolitane Ausdeutung, ein – wie er sagt – Berliner Volksstück. In der Stadt gäbe es viele Menschen, die nicht wenig Zeit ihres Lebens in der U-Bahn verbringen, erklärt Hagel: „Das verzweigte undurchschaubare Netz aus Tunneln und Schienen, eigentlich eine phantastische Welt, gehört zu ihrer Alltagswelt.“

Seinen Mozart will er mit einem fast filmischen Plot beginnen: Das Punkmädel Pamina erscheint und macht am Automaten einige Passbilder. Eines fällt herunter. Tamino, Philosophiestudent der Humboldt-Universität, findet es wenig später und besingt partiturgemäß dieses bezaubernd schöne Bildnis. So kommt die Liebesgeschichte in Gang. Papageno ist eine Art Hausmeister und Schaffner in diesem unterirdischen Reich, in dem eigentlich die Königin der Nacht regiert. Aber es gibt ja noch die Gegenwelt des Sarastro. „Das ist unsere heutige Vernunftwelt, eben eine Bürowelt“, sagt Hagel. Sarastro ist für ihn der BVG-Chef, in dessen heiligen Hallen man die Rache nicht kennt. Aber: Wer aufsteigen will in die lichte Erfolgswelt, muss erst die auferlegten Prüfungen bestehen. Tamino schafft es – etwas sehr frei nach Mozart – am Ende in den Höheren Dienst der BVG.

Tickets gibt es an Fahrkartenschaltern

Hagel, der vom unterhaltsamen Theater Besessene, hatte schon immer seinen ganz eigenen Humor. Bleibt eigentlich nur hinzuzufügen, dass die BVG Kooperationspartner dieser ungewöhnlichen Opernproduktion ist. Im Opernchor werden Choristen des BVG-Chores mitsingen. Das Ganze wird wohl auch zur Imagekampagne werden, die Tickets soll es an ganz normalen Fahrkartenschaltern zu kaufen geben – statt ,AB' oder ,ABC' wird dann ,Zauberflöte' aufgedruckt sein.

Die Idee zu einer unterirdischen „Zauberflöte“ hatte Hagel bereits in den Neunzigerjahren mit Blick auf einen Geisterbahnhof in Steglitz. Aber damals habe er sich nicht getraut, sagt er, mit dieser Location an den Regisseur George Tabori heranzutreten. Schließlich wurde es ein buntes Zirkuszelt. Mit Katharina Thalbach als Regisseurin führte er Mozarts „Don Giovanni“ im E-Werk auf. Diese privatwirtschaftlich organisierten Opern-Events waren seinerzeit Triumphe. Hagel wurde plötzlich als ein Dirigent der künstlerischen New Economy gefeiert. Aber dann hat er auf die falschen Aktien gesetzt: Nach der Pleite des Metropol-Theaters sollte es Hagel auf Wunsch des damaligen Kultursenators Peter Radunski wieder eröffnen. Der Dirigent hat viel Zeit in die Beschäftigung mit der Operette und in das Knüpfen von Netzwerken investiert – und dabei seinen Namen unnötig aufs Spiel gesetzt. Die Übernahme scheiterte. Es wurde still um ihn. Schließlich nahm der Dirigent quasi Lehraufträge in Kolumbien, Peru und Mexiko-City an. Er blieb mehrere Jahre von der Bildfläche verschwunden, obwohl er seine Wohnung in Berlin nie aufgegeben hat.

Musikprojekte mit Architektur

Mittlerweile trainiert Hagel in Berlin, wo er gerade das Programm „Furioso!“ im Wintergarten Varieté leitet, wieder seine Instinkte für den Event-Zeitgeist mit Klassischem. Immerhin: Zu Mozarts „Apollo und Hyazinth“ im Bode-Museum kamen 13.000 Besucher. Im nächsten Jahr will er auch Igor Strawinskys „Oedipus Rex“ in großer Besetzung im Kraftwerk-Mitte inszenieren. Dazu kommen Haydns „Sieben letzten Worte“ im Bode-Museum und eine erotische Oper: „Hänsel und Gretel – aber nur für Erwachsene“.

Ein Jahr Vorbereitung braucht er normalerweise für einen Klassiker am ungewöhnlichen Ort. Denn es gäbe immer wieder ungeahnte Widrigkeiten zu überwinden. „Aber genau das“, sagt Hagel, „ist das Reizvollste daran.“

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.