Wer an Japan denkt, denkt auch an Riesenmonster. Japaner lieben die „Daikaiju“. Auch wenn es ihnen mittlerweile eher peinlich ist. Die Größe der Monster ist das Entscheidende. Denn als Sinnbild für Naturkatastrophen wie Taifune oder Erdbeben, die Japan noch heute zu fürchten hat, funktionieren nur gigantische Monster. Große Katastrophen gebären große Bestien.

Das war schon damals so, als der durch amerikanische Atombombentests im Pazifik erweckte Urzeitdrache Godzilla 1954 zum ersten Mal durch Tokio stapfte und mit seinem radioaktiven Feueratem die Stadt in Schutt und Asche legte. Bislang hat die japanische Produktionsfirma Toho 28 abendfüllende Godzillafilme gedreht und damit die atomare Riesenechse zum Nationalmonster gemacht.

Ein Held in der Krise

Selbst ein japanischer Superheld wie Ultraman (der immerhin schon seit 1966 seine Heldentaten im Fernsehen und auf der Kinoleinwand vollbringt) muss, im Gegensatz zu seinem US-Vorbild Superman, groß sein. Oder groß werden. Denn im alltäglichen Leben ist Ultraman von normalen Japanern nicht zu unterscheiden. Erst in der Gefahr wächst er ins Gigantische, wird überlebensgroß. Wie sonst sollte er auch die Riesenbiester bezwingen können, die an den Wolkenkratzern von Tokio rütteln?

Dainipponjin, der „große japanische Mensch“, ist so ein Superheld. Wenn bizarre Wesen wie die stinkende Riesenkrake oder der starrende Zyklop mit seinem Teleskopauge in der Hauptstadt auftauchen, ist er pflichtbewusst zur Stelle. Die kraftvollen Stromstöße eines Elektrokraftwerkes werden durch die Brustwarzen des normal kleinen Mannes Daisato gejagt und bringen ihn in monstergroße Heldenform.


Doch Daisato ist ein Held in der Krise. Denn die Menschen fürchten sich nicht mehr vor Monstern und wissen sein Opfer nicht mehr zu würdigen. Wenn Daisatos Ringkämpfe mit den Ungetümen im Spätprogramm des Fernsehens laufen, sehen nur noch hoffnungslos romantische Otakus (so nennt man in Japan Sonderlinge) zu.


Ein Superheld, den Suppe stählt


Doch mehr noch als die mangelnde Anerkennung seines Volkes machen dem frustrierten Daisato die Probleme des Alltags zu schaffen. Seine Frau hat ihn verlassen, und seine junge Tochter darf er nur sehr selten sehen. Sein Großvater, einst selbst ein bewunderter Dainipponjin, leidet an Demenz und vegetiert trostlos in einem Altenheim vor sich hin.

Die starken Stromstöße bei der Heldenwerdung haben das Hirn des alten Mannes offenbar zerbröselt. Ein Schicksal, das auch Daisato droht. Hinzu kommt, dass der melancholische Superheld bei seinem kargen Beamtenlohn in einer kleinen Wohnung und von Instant-Nudelsuppen leben muss.

„Dainipponjin“ ist der Debütfilm des japanischen Komikers Hitoshi Matsumoto, der auch gleich die Hauptrolle übernommen hat. Seine pfiffige Schein-Dokumentation hat etwas, das man nur selten in japanischen Filmen und schon gar nicht im bierernsten „Kaiju Eiga“ (Monsterfilm) erwartet: Matsumotos Film sprudelt vor Selbstironie. Und die hat das Genre auch nötig.

Japaner wollen nicht ausgelacht werden

Seit mehr als 50 Jahren werden die Monsterfilme in Japan im ebenso traditionellen wie preiswerten „Suitmation“-Verfahren gedreht. Das bedeutet, dass die Kaijus von tapferen Stuntmännern in Gummimonsteranzügen dargestellt werden, die im Studio auf Miniaturstädten umherspringen. Im digitalen Zeitalter, wo die Illusionsmaschinerie Hollywoods alles zeigbar macht, haben sich Japans Filmemacher noch immer dem Charme des Handgemachten verpflichtet. Das macht die Monster menschlich und sympathisch. Aber eben nicht besonders Furcht einflößend.

Zu Matsumotos Verteidigung sei erwähnt, dass er in „Dainipponjin“ zwar auch Männer in Latexkostümen präsentiert, diese aber mit beeindruckenden digitalen Animationen bizarr verfremdet. Besonders abstrakte Wesen wie das einbeinige Hüpfmonster stammen gänzlich aus dem Computer.

Sein Film ist ein liebevoller Abgesang auf den in traditioneller Ehrfurcht erstarrten Kaiju Eiga. Am Schluss landet Daisato selbst in so einer billigen Superhelden-gegen-Monster-Fernsehserie, die im Suitmation realisiert wird. Er hat seine Bestimmung gefunden, sieht dabei aber ganz unglücklich aus. Doch das darf man nicht falsch verstehen. Japaner sind ein sehr stolzes Volk und sie geben nicht gerne zu, dass sie Gummimonster und infantile Superhelden toll finden. Schließlich könnte der Rest der Welt sie dafür auslachen.

Der Film- und Bühnenregisseur Jörg Buttgereit ist Spezialist für Horror- und Splatterfilme. Er wurde 1963 in Berlin geboren und arbeitet als Autor, Filmkritiker und Regisseur. Bekannt wurde er für seine Filme "Nekromantik", "Der Todesking" und "Schramm". Er war jeweils für Regie, Drehbuch und Schnitt zuständig.