John Cale feiert am 9. März den 65. Vielleicht wird er Viola spielen. Das aus Sicht des Rock absonderliche Instrument bedeutet für John Cale, was für Bob Dylan die Geschichten von Gesängen unter Gaslaternen sind: Der Hintergrund, vor dem sich musizieren lässt, bis der Bestatter einen von der Bühne trägt.
Die Bratsche also: Sie begleitete John Cale aus einem Kaff in Wales für immer nach New York, wo er bei Aaron Copland lernte, Dauertöne spielte für La Monte Young und mit John Cage Musik nach Zen und Zufall aufführte. Verbürgte Avantgarde. Ein Ruf wie Donner-hall. Schon deshalb wird die Rockband Velvet Underground nicht nur als Rockband angesehen. Sie ist „Andy Warhols Hausband“. Allerdings gehörte sie als Rock-band zu der besten aller Zeiten.
Cale verließ sie nach drei Jahren, 1968, um den Ruf als rastloser Erneuerer nicht zu gefährden. In den folgenden Jahren fand man seinen Namen zuverlässig auf den Plat-tenhüllen ernstzunehmender Musiker. Bei Patti Smith, Nick Drake, den Stooges, später bei den Happy Mondays. Selbstverständlich komponierte Cale auch fürs Ballett.
Gelegentlich erinnert er die Welt daran, wen sie noch immer vor sich hat. So nahm er 1990 mit Lou Reed, dem früheren Velvet-Underground-Kollegen, „Songs for Drella“ auf. Wer sofort wusste, dass hier der verstorbene Andy Warhol angesungen wurde, durfte sich geschmeichelt fühlen. Jeder konserviert seine Vergangenheit auf seine Weise. Reed, der eine Woche vor Cale 65 wird, führt heute mürrisch aber werktreu seine sperrigen Werke aus den siebziger Jahren auf.
John Cale pflegt eine Art des populären Kunstlieds. Meist sitzt er dabei viril und würdevoll am Flügel, manchmal spielt er auch Gitarre, seltener Viola, in der Regel im Theater. Dass die heutigen drei CDs den Titel „Circus“ tragen, hat damit zu tun, dass Künstler gern den Popbetrieb ironisieren, wenn sie sich in ihm bewegen. Cale singt hierbei in Konzerten eigene Klassiker wie „Venus In Furs“, zwei Jahre junge Songs wie „Hush“ und „Woman“ und interpretiert betont Verschiedenes von Elvis bis Calexico. Es ist sein gutes Recht, die eigene Legende zu verwalten. Denn John Cale hat sich ein Arbeitsleben lang um die Musik verdient gemacht. Auch als Bratschist.
Außerdem neu erschienen:
Francoise Hardy: Parentheses (Virgin/EMI)
Rose Tattoo: Blood Brothers (Ar-mageddon/Soulfood)
Thomas Quasthoff: The Jazz Album – Watch What Happens (DG/Universal)
Polarkreis 18: Polarkreis 18 (Mo-tor/Edel)
Jackie Leven: Oh What A Blow That Phantom Dealt Me! (Cooking Vinyl/Indigo)
Ludovico Einaudi: Divenire (Decca/Universal)
The Wreckers: Stand Still Look Pretty (Inkubator/Soulfood)
Vega4: You And Others (Red Ink/Rough Trade)
Udo Jürgens/Bastian Sick: Lieder voller Poesie (Ariola/Sony BMG)


