Wir sind noch einmal davongekommen: Das ist die Stimmung in der heimlichen Hauptstadt des deutschen Geistes, seit der Kulturstaatsminister Anfang Juli bekannt gab, die Stiftung Weimarer Klassik werde künftig mit 2,6 Millionen Euro jährlich mehr rechnen können. Doch die Aufstockung auf nunmehr 22, 6 Millionen Euro bedeutet, den Jubelschreien im Feuilleton zum Trotz, lediglich, dass die Minimalausstattung der zweitgrößten deutschen Kulturstiftung gesichert ist. Denn der Zustand muss nach wie vor als dramatisch bezeichnet werden.
Das Weimarer Stadtschloss, gegenwärtig bespielt durch die Jubiläumsausstellung zu Anna Amalia und ihren Sohn Ernst August, bedarf dringend der Restaurierung. Die Wiedereröffnung der Anna-Amalia-Bibliothek steht zwar für den 24. Oktober fest. Doch die Sanierung der Bestände, die durch den Brand vor drei Jahren so grausam dezimiert wurden (von 62.000 Büchern sind 20.000 für immer verloren) wird noch bis mindestens 2015 dauern.
Bewahren als Hauptaufgabe der Stiftung
Unterdessen hat es aber bei den schweren Regengüssen im Juli wieder ins Goethehaus am Frauenplan hineingeregnet. Im Goethe-Schiller-Archiv wiederum müssen rund zehn Prozent der ca. fünf Millionen Blätter aufgefrischt werden, weil Tintenfraß, Randschäden und Risse ihr zerstörerisches Werk von Jahr zu Jahr vermehren. Die Kunstsammlungen Goethes harren weiter der Erschließung.
Ganz Weimar ist ja im Grunde ein schützenswertes Kleinod. Da sich der Lebensraum der Weimarer Klassik und auch der kulturell nicht minder fruchtbaren Nachfolgeepochen auf eine in Deutschland einzigartige Weise fast komplett erhalten hat, wird die Hauptaufgabe der Stiftung Weimarer Klassik immer die Bestandssicherung sein müssen.
Zu den genannten Häusern kommen noch das Nationalmuseum neben Goethes Wohnhaus, das Schillerhaus, die Schlösser Tiefurt und Belvedere, Bauhaus, Nietzsche-Archiv, das Wieland-Gut in Ossmannstedt und manches mehr. Die Weimarer Malerschule mit ihren reizvoll intimen Landschaften des 19. Jahrhunderts wird immer noch nicht gebührend präsentiert, und an den großen Weimarer Ideengeber, Mäzen, Kunstpolitiker und zeitweiligen Museumsdirektor Harry Graf Kessler erinnert nach wie vor keine Gedenkstätte, obwohl das überfällig wäre.
Veranstaltungen in großem Ausmaß geplant
Stattdessen hat man neue Ideen in einem Ausmaß, dass manchem angst und bange wird. Ausstellungen, Tagungen, Veröffentlichungen und ein neues Internet-Portal – so lauten die Hausaufgaben, welche die Kulturminister von Bund und Land der Stiftung gegeben haben. Und der ehrgeizige Präsident Hellmut Seemann, der prominent in der Beletage des Stadtschlosses residiert, hegt noch ganz andere Ambitionen.
Er will das Schloss zur „neuen Mitte“ machen, zur zentralen Einflugschneise für die Besucher, die dort, ähnlich wie unter der Glaspyramide des Louvre, ihren Parcours durch die Kunst- und Kulturstätten Weimars beginnen sollen. Das würde den Bau einer Tiefgarage nach sich ziehen, durch die man wiederum den Park an der Ilm (seinerseits ein Denkmal der Gartenarchitektur) beschneiden müsste. Die Idee ist in Weimar nicht unumstritten, weil damit – so meinen viele – das feudale gegenüber dem bürgerlichen Weimar eine historisch unangemessene Aufwertung erfahren würde.
Seemanns Angestellten hingegen sind schon froh, wenn sie kleine Brötchen backen können. „Wenigstens ist jetzt gewährleistet, dass wir wieder normal arbeiten können“, kommentiert der Bibliotheksdirektor Michael Knoche den warmen Gelderregen, der von nun an niedergehen soll. Er hatte in einer für die gemächliche Weimarer Gangart spektakulären Aktion seinen Posten zur Verfügung gestellt für den Fall, dass nicht mehr Finanzmittel fließen würden.
Prunkstück - Rokokosaal in der Anna-Amalia-Bibliothek
„Jetzt können wir endlich dem Restaurierungsstau begegnen“, bemerkt er gedämpft optimistisch und ist schon froh, dass er endlich seinen Plan erfüllen und die acht vakanten seiner insgesamt 52 Stellen besetzen kann. Eine verhaltene Freude kommt auch auf, wenn er beschreibt, was die Besucher ab dem 24. Oktober in der Anna-Amalia-Bibliothek erwartet: vor allem die Möglichkeit, den herrlichen Rokokosaal zu begehen.
„Aber auch der Festsaal von 1563, der früher durch die Katalog- und Regal-Belegung nicht zur Geltung kam, kann jetzt als Ausstellungsraum zurückgewonnen werden. Das wird eine echte Überraschung für das Publikum.“ Knoche selbst hat bei den Instandsetzungsarbeiten auch manche Überraschung erlebt. So fand sich beispielsweise in einem Schacht eine Broschüre des Abbé Sièyes aus den Anfangstagen der Französischen Revolution, vom Juli 1789, über „Verfassungsfragen, anzuwenden auf die Stadt Paris“. Sie ist nur noch in einer weiteren deutschen Bibliothek nachgewiesen, kein Mensch wusste, dass Weimar sie auch besitzt.
Zu den wichtigsten Neuerwerbungen der Stiftung gehören aber vor allem zwei Personalien, die für die Außenwirkung von erheblicher Bedeutung sein dürften. Es handelt sich hier um die auf Seemanns Wunsch hin neugeschaffenen Stellen jeweils eines „Referenten“ für Forschung und Bildung. Auch hier zittern alteingesessene Weimarer, ob sie ihre Arbeit im Sinne der Selbstprofilierung oder der Bestandssicherung verstehen werden.
Weimar muss als Mix-Angebot verstanden werden
Sowohl der seit einem knappen halben Jahr amtierende Forschungsreferent Thorsten Valk, ein habilitierter Literaturwissenschaftler aus der Schule des bedeutenden Freiburger Germanisten, Klassik-, Hölderlin- und Nietzsche-Forschers Jochen Schmidt, als auch der gelernte Museumspädagoge Folker Metzger (seit sechs Wochen im Amt) erwecken den Eindruck, dass sie das Entscheidende am Kosmos Weimar begriffen haben: Hier geht es um einen kulturellen Lebensraum, in dem alle Erscheinungsformen gleichermaßen wichtig und ernst genommen werden müssen.
So wie Goethe Dichter, Politiker, Kunsthistoriker, Theaterdirektor, Naturforscher, Sammler und vieles mehr war, so muss auch Weimar als mixtum compositum angesehen werden. Da bedarf es, wie kaum irgendwo sonst, der Verknüpfungskompetenz. Insofern ist es sinnvoll, wenn Valk jetzt die Kontextualisierung zum Kernbegriff seiner Tätigkeit erhebt.
Ob Weimar wirklich Zentrum der europäischen Klassikforschung werden muss, sei einmal dahingestellt. Aber dass die zentrale Dauerausstellung „Wiederholte Spiegelungen“ im Nationalmuseum, die jetzt von einer zugänglicheren, weniger literaturzentrierten abgelöst werden sollte, auch „außerästhetische Faktoren“ aufnehmen muss, wie Falk meint, dem ist zuzustimmen. Da liegt auch Metzger richtig, wenn er sagt, alle zukünftige Präsentation von Weimars Schätzen müsse vom Biographischen ausgehen. Der Kosmos Weimar ist das Produkt der begabten, geistig produktiven Menschen, die dort wirkten. Ihre Horizonte und Interessen auszumessen, heißt Weimar verstehen.



