Der Museumsstandort im Westen der Stadt entwickelt sich zu einem neuen Quartier für Klassische Moderne. In einer Art Kunstspagat kann der Kunstliebhaber nun von Picasso & Co. im Hause Berggruen im westlichen Stüler-Bau einfach über die Straße springen zu Max Ernst, Dalí und René Magritte. Die Privatsammlung – für Berlin nicht unbekannt, sie wurde im Jahr 2000 bereits gezeigt – birgt den wohl rätselhaftesten Stil der Moderne: den Surrealismus. 250 Gemälde, Grafiken, Zeichnungen und Skulpturen umfasst sie. Zwei Drittel des Bestandes sind fragile Papierarbeiten. Später einmal sind Wechselausstellungen geplant, die sich anlehnen an die Strömungen des Surrealismus und/oder monografische Präsentationen einzelner auch unbekannter Künstler. Am 10. Juli wird die Sammlung Scharf-Gerstenberg, die die Kollektionen im Schloss, im Bröhan-Museum, im Heimatmuseum und im Museum Berggruen ergänzen, in der Schloßstraße 70 in Charlottenburg eröffnet.

Das umgebaute frühere Ägyptische Museum, hier residierte bis vor drei Jahren Nofretete, betritt der Besucher durch einen großzügigen Neubau im Stil eines Mies van der Rohe, der beide historischen Bauten, den östlichen Stüler-Bau und den Marstall verbindet. Viel Glas, Stahl und Beton, wie heute üblich bei Museumsneubauten. Hier ist das lichte Café untergebracht, das schnell zentraler Treffpunkt des 3400 Quadratmeter großen Hauses werden wird.

Der Blick geht hinaus zum neu gestalteten Hof mit der angrenzenden Antikensammlung und dem Heimatmuseum. Die Transparenz gibt schöne Durchblicke frei, die die Architekturgeschichte des Ensembles spiegeln. So schließt sich mit diesem zehn Millionen Euro teuren An- und Umbau harmonisch die städtebauliche Lücke an der Schlossstraße. Ansonsten ist das Architektenteam Sunder-Plassmann dezent mit der historischen Substanz umgegangen, die Räume haben ihre ursprüngliche Gestalt zurückerhalten. Alles wirkt hell und freundlich, die Kalksteinböden und die kalkgeschlemmten Wände. Früher diente das Gebäude als Offizierskaserne, 1855 kamen Marstall und Remise dazu. In den 1970er-Jahren wurde es für die Ansprüche des Ägyptischen Museums umgebaut.

Am Eingang steht Max Ernsts „Schöne“

Am Eingang kokettiert Max Ernsts ranke, schlanke „Schöne“. Genau an dieser Skulptur scheiden sich die Wege. Einer führt in die fensterlose Säulenhalle des Marstalls, der andere in den klassizistischen August-Stüler-Bau mit der sonnendurchfluteten kuppelbekrönten Rotunde. Zwei Alternativen, um sich den „Surrealen Welten“ der Sammlung Scharf-Gerstenberg zu nähern. Rechts begegnen uns die „Klassiker“ der Surrealisten, die im Kreis um André Breton und dessen „Manifest des Surrealismus“ in Paris arbeiteten. Der Besucher tritt zuerst durch das Kalabscha-Tor, ein gewaltiges Relikt noch aus dem Ägyptischen Museum, das erst nach dem Umbau des Pergamonmuseums ab 2015 dort seinen Platz finden soll.

Erstaunlicherweise stört diese Großarchitektur nicht, im Gegenteil. Sie selbst bekommt etwas Surreales als Entree in den fantastischen Kosmos von Max Ernst mit seinem „Triumph der Liebe“, René Magrittes Rätsellandschaft „Gaspard de la nuit“ und Salvador Dalís wüste Sadomaso-Szenerien, die an Marquis de Sade erinnern. Jean Dubuffet mit seinen wunderbar hauchzarten Schmetterlingsflügelcollagen weist den Weg vom Surrealismus in die Schaffensperiode der Nachkriegszeit.

Aus dem Dunkel des fensterlosen Marstalls taucht der Besucher ins Licht des Kasernenbaus mit seinen eleganten Kabinetten, die etwas Intim-Privates ausstrahlen, wie geschaffen für die kleinformatigen, detailreichen Blätter. Hier werden die Wegbereiter und die Geistesverwandten der Surrealisten bis zum Ende des 19. Jahrhunderts präsentiert. Der Rundgang beginnt mit Goyas gespenstischen Traumsequenzen, gefolgt von Piranesis abgründigen Folterszenen. Auf verschiedenste Weise wird die Theorie des Surrealismus illustriert. Bei diesen Künstlern führte der Weg nicht zur Abstraktion oder zu anderen Formüberlegungen, sondern tief hinab in das Reich des Unterbewussten. Dieter Scharf (1926–2001), Enkel des Sammlers Otto Gerstenberg (1848–1935), sammelte nicht streng an der Kunstgeschichte orientiert, ihm ging es vielmehr darum, den unterschwelligen Dialogen zwischen den Künstlern, ihren „fantastischen Gespinsten“ mit all ihren Verrätselungen nachzuspüren.

Ein Parcours des Abgründigen

Und so gibt es auch jede Menge Entdeckungen zu machen, vorausgesetzt man nimmt sich genügend Zeit für diesen Parcours des Abgründigen. Feine, kleine Blätter wie Munchs düsterer „Vampir“ oder Alfred Kubins bedrohlicher „Sauger“ – in allen Ecken grinst uns der Todesengel entgegen. Einigen Künstlern sind ganze Räume gewidmet: Hans Bellmer, dem Berliner Puppenbauer, der 1938 nach Paris ging. Wols, dem Fotografen und Maler, Odilon Redon, dem französischen Symbolisten und Paul Klee, dem Hausheiligen der Sammlung Scharf-Gerstenberg. 30 Arbeiten gehören zur Kollektion, darunter die zwei Hauptwerke „Betende Kapelle“ und „Ein Paar Götter“, die ersten Werke, die Dieter Scharf einst kaufte. Wie einst übrigens auch Heinz Berggruen mit einem Klee-Bild begann. Schöner könnte das Wechselspiel zwischen den Häusern nicht sein.

Das neue Haus basiert auf einer Kooperation der Staatlichen Museen mit der Sammlung Scharf-Gerstenberg. Die Tochter des Sammlers, Julietta Scharf, hat Entscheidungsrechte über die wertvolle Kollektion. Einen Interessenkonflikt muss es nicht geben. Vorerst sind die Surrealisten aber noch eine Dauerleihgabe für die nächsten zehn Jahre – mit Option auf eine Verlängerung.

Sammlung Scharf-Gerstenberg, Schloßstraße 70, Charlottenburg. Eröffnung: Donnerstag, 10. Juli.