Schon eine Woche nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 wurde Heinz Tietjen vom sowjetischen Stadtkommandanten Bersarin erneut mit der Leitung der Staatsoper betraut, allerdings kurz darauf wegen seiner Tätigkeit im Dritten Reich wieder abberufen. Am 23. April 1947 sprach ihn die "Entnazifizierungskommission für Kunstschaffende beim Magistrat von Groß-Berlin" vom Vorwurf "einer nationalsozialistischen Tätigkeit" frei und zieh ihn wegen der Duldung der Nazi-Zelle und des Betriebsappells von 1936 lediglich des "Opportunismus".

Tietjens Strategie, sich als Schutzpatron seines Ensembles, als Retter der Juden und jüdisch Versippten und spätestens ab 1938/39 als aktiven Widerstandskämpfer zu präsentieren, war erfolgreich gewesen. "Bei den preußischen Staatstheatern habe ich sofort bei der Machtübernahme dafür gesorgt, dass die Juden, soweit sie im Verbande der Staatstheater noch verbleiben wollten, geschützt wurden, z.B. Leo Blech, der 1936 mit Erreichung der Pensionsaltersgrenze ausschied. [...] Außerdem sind zum Missvergnügen von Goebbels, der diese Aktion bei seinen Reichstheatern nicht mitmachte, bei den Preußischen Staatstheatern sämtliche Mischehen unter Schutz gestellt worden und bis 1945 geschützt geblieben". An dieser Auslassung Tietjens ist einiges bemerkenswert: Mit den Juden, die Tietjen zu schützen vorgab, meinte er die prominenten. An den "Schutz" der anderen, der normalen, hat er nie gedacht, wie er in aller Offenheit zugab: "Von den Juden spreche ich nicht, die mussten ja gehen."

Nicht jeder Helfer war ein Widerstandskämpfer

Tietjen tut auch so, als sei die vorübergehende Weiterbeschäftigung der prominenten Juden Blech, List, Kipnis und der in Mischehen lebenden Gielen, Krenn, Leider, Lorenz, Neumann, Gielen sein Werk gewesen. Tatsächlich waren es allein Göring, Goebbels und Hitler, die nach gusto bestimmten, welche Künstler sie behalten oder aber vertreiben wollten. Entgegen Tietjens Behauptung ist keiner dieser sogenannten "jüdisch Versippten", mit Ausnahme derjenigen, die dem Druck nachgaben und sich scheiden ließen, bis 1945 geschützt geblieben.

Tietjens Unterstützung des 1933 nach Paris geflüchteten ehemaligen Referenten des Kultusministeriums und Juden Dr. Ludwig Seelig wie seines 1937 in die USA emigrierten jüdischen Hausarztes Dr. Stefan Steinhardter dürften ebenso den Tatsachen entsprochen haben wie die von Leo Blech bezeugte Rettung vor der Einweisung ins Rigaer Ghetto 1941 und die offizielle Ausreise nach Stockholm. Diese Menschen konnten, wie der inhaftierte Sänger Karl August Neumann, auf ihn zählen, weil sie mit ihm befreundet waren und Tietjen dabei nichts riskierte. Ähnliche Aktionen sind von der Parteigenossin Winifred Wagner bezeugt, ohne dass man sie dadurch zur Widerstandskämpferin erklärt hat.

Er kündigte bürokratisch korrekt

Juden, die nur Tietjens Angestellten und nach dem Berufsbeamtengesetz zu entfernen waren, kündigte er bürokratisch korrekt, gleich was aus ihnen wurde. Wenn sich einzelne Juden, wie die von der Deportation nach Theresienstadt bedrohte pensionierte Solistin Therese Rothauser hilfesuchend an ihn wandten, versagte er jede Unterstützung, was in beiden Fällen den Tod der Bittsteller bedeutete. Noch problematischer ist die Bekundung Tietjens, er habe 1938 gemeinsam mit dem preußischen Finanzminister Johannes Popitz angesichts des Kriegskurses des Regimes beschlossen, "nun bewusst auf unseren Posten zu bleiben, um aus unserer bisherigen Antipathie gegen das System in Aktivität überzugehen". Für Popitz ist dieser Widerstand belegt und durch seine Hinrichtung am 2. Februar 1945 bezeugt. Tietjens Aussage, er habe 1943/44 für die Verschwörer Popitz, Goerdeler, von Witzleben seine Suite im Adlon als Hauptquartier zur Verfügung gestellt und er sei in die weitaus radikaleren Pläne der Attentäter vom 20. Juli eingeweiht gewesen, wurden im Entnazifizierungsverfahren 1947 von zwei Zeugen bestätigt. In der wissenschaftlichen Literatur taucht Tietjens Name und sein Beitrag zum Widerstand dagegen nirgends auf. So honorig sein tatsächlicher Einsatz für die Verurteilten Popitz, Pünder und andere angebliche Bittsteller in der Untergangsphase des Dritten Reiches auch war, die Überlegung darf ausgesprochen werden, ob sich hier nicht jemand für die Zeit danach einen guten Leumund beschaffte.

Dass Tietjen seine persönliche und öffentliche Geschichte der Jahre 1930-1945 nach dem Krieg umgeschrieben hat und seine neue antifaschistische Biographie eine Lüge ist, wird keine Aufregung auslösen, verfuhren doch Millionen Deutscher in dieser Zeit wie er. Und wie Hunderttausende Spitzenkräfte des Dritten Reiches setzte auch Tietjen seine Karriere in der Bundesrepublik fort - als Intendant der Deutschen Oper in Berlin von 1948-1955 und der Hamburgischen Staatsoper von 1956-1959.

Mitläufer oder Täter? Heinz Tietjen war kein Nazi, also ideologisch gesehen ein Mitläufer. Aber er hat Nazipolitik gemacht, insofern war er ein Täter.