Ein Blick auf die Gästeliste ließ aber bereits ahnen, dass sich die Diskussionsteilnehmer wohl nicht mit Samthandschuhen anfassen würden. Schon gar nicht bei einem Thema, dass sowohl auf der politischen als auch auf der emotionalen Ebene eine derartige Menge an Zündstoff bietet.
Neben zwei Wirtschaftsgrößen, Klaus Picard, dem Hauptgeschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbands und Utz Claassen, dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der EnBW Energie Baden-Württemberg, hatten CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla und die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, Bärbel Höhn, im Studio Platz genommen. Der Schauspieler Christian Wolff wirkte in dieser Runde etwas verloren, hatte sich durch seine Rolle als Oberförster im „Forsthaus Falkenau“ aber anscheinend ausreichend für Umweltfragen qualifiziert.
Ein kleiner Einspielfilm legte gleich zu Beginn den Finger auf den wundesten Punk: den hohen Benzinpreis. Doch inwieweit hängt der mit dem hohen Ölpreis überhaupt zusammen? Plasberg rechnete vor, dass vom Preis für einen Liter Benzin 58 Prozent direkt an den Staat gehen. Seine Frage an Ronald Pofalla: Wäre es nicht möglich, wenigstens den Mehrwertsteuersatz zu senken, um die derzeitige Notsituation zu entschärfen?
Pofalla gab jedoch an, dass dies nach derzeitigem Europarecht keine Option sei, um kurz darauf seine erste Spitze an die SPD abzugeben. Die Regierung hätte unter Schröder mehr als 100 Milliarden Euro Schulden aufgenommen, diese Schulden seien die Steuern von morgen. Sein Fazit: „Erst muss der Haushalt ausgeglichen werden, dann kann die Steuer gesenkt werden.“
Wer ist Schuld am hohen Benzinpreis?
Der direkte Gegenschuss kam von Utz Claassen. Es gäbe doch viele andere Möglichkeiten für den Staat Geld zu sparen. Die hohe Steuerbelastung für Benzin sei eine der schlechtesten. Dagegen wiederum protestierte Bärbel Höhn. Verglichen zu 1990 sei der Anteil der Steuern am Benzin bereits um 20 Prozent gefallen. Sie schob den Schwarzen Peter dagegen jemand anderem zu: „Momentan verdienen sich die großen Mineralölkonzerne eine goldene Nase.“
Das war das Stichwort für Klaus Picard, der jedoch ebenfalls jegliche Schuld am hohen Benzinpreis von sich wies. Die Preise würden nicht von den Mineralölkonzernen gemacht, sondern seien ein Resultat aus Angebot und Nachfrage. Picard zeigte sich überzeugt: „Wir sind die Falschen, die sie angehen.“ Auf kritische Nachfrage Plasbergs, wie aber dann die enormen Gewinne der Mineralölwirtschaft in den letzten Jahren zustande käme, blieb Picard eine klare Antwort schuldig. Die Gewinne seien durchaus legitim und lägen, was die Umsatzrendite anginge, völlig im Mittelfeld.
Die Frage, ob denn der hohe Ölpreis nicht auch seine guten Seiten hätte, indem er den Verbraucher dazu anhalte sparsamer mit Energie umzugehen, konnte die Runde recht schnell beantworten. Christian Wolff brachte es im Hinblick auf sein Alter auf den Punkt: „Ab 70 entscheidet bei mir die Bequemlichkeit.“ Dies war auch der Tenor der Menschen, die Plasbergs Redaktion an einer Tankstelle zum Thema Auto interviewt hatte: Wenn es an persönliche Einschränkung geht, steht Komfort vor Verbrauch. Utz Claassen bezweifelte gar, dass allzu genaues Hinsehen im eigenen Alltag einen Nutzen bringe: „Lifestyle-Controlling bis in den letzten Winkel bringt nichts für das Weltklima.“ Und auch Pofalla verteidigte die Produktion großer und komfortabler Fahrzeuge: „Immerhin arbeiten Zehntausende von Menschen in der Autoindustrie.“
500 Toastbrote für den Tank
Weitaus konträrer ging es dagegen zu, als die Runde auf moralische und ethische Fragen zum Thema Biotreibstoffe zu sprechen kam. Die Grundfrage „Nahrung oder Benzin?“ wurde von Plasbergs mit einem Einspieler sehr schön illustriert. Dem Zuschauer wurde vorgerechnet, dass eine Tankfüllung mit 70 Liter Ethanol rund 181 Kilogramm Weizen kosten würde, aus denen man wiederum 500 Toastbrote backen könnte, die einen Erwachsenen für 271 Tage satt machen würden.
Bärbel Höhn, mit ihrer Partei eine entschiedene Fürsprecherin von Biosprit, fühlte sich sofort persönlich angegriffen und schimpfte etwas beleidigt auf das schlechte Beispiel, während Utz Claassen in den Raum stellte, dass dieser Konflikt durchaus zu einem der größten ethischen Probleme des 21. Jahrhunderts werden könnte.
Klaus Picard dagegen nutzte die Gunst der Stunde, um seinen Unmut über das Biokraftstoff-Quotengesetz der Bundesregierung kund zu tun, das derzeit vorsieht, dass jedem Liter Benzin fünf Prozent pflanzliches Öl beigemischt sein muss. Er kritisierte, dass diese Vorgabe mit dem in Deutschland vorhandenen Öl überhaupt nicht umzusetzen sei und deshalb nicht-nachhaltig produziertes Öl aus dem Ausland importiert werden müsse. Ronald Pofalla konnte dazu nur sagen: „Wir werden die Quote nicht wie geplant auf zehn Prozent erhöhen.“
Zum offenen Schlagabtausch zwischen Bärbel Höhn und Ronald Pofalla kam es schließlich beim Thema Atomstrom. Hatten sich die beiden bereits über die Dienstwagen für Politiker in die Haare bekommen (Höhn: „Wir brauchen eine Beschränkung auf Autos mit einem Ausstoß von 140 Gramm CO⊃2; pro Kilometer.“ Pofalla: „Das muss jeder für sich entscheiden.“) verloren sie nun jegliche Contenance. Über den Tisch hinweg gifteten sie sich an, fielen sich andauernd ins Wort und man hatte fast das Gefühl sie würden sich prügeln, wenn nicht der still lächelnde Christian Wolff zwischen ihnen sitzen würde. Die Inhalte der Diskussion fielen bei diesem Parteigeplänkel leider unter den Tisch.
Das galt zu einem großen Teil auch für den Rest der Sendung, die gut gemeint war, letztlich aber nur zwei entscheidende Erkenntnisse ans Licht brachte. Erstens: Das Öl wird knapp. Und zweitens: Schuld sind immer die anderen.




