Als die erste staatliche Reformschule Deutschlands 1974 in Berlin-Tempelhof öffnete, war eines klar: Es gibt zu viel Frontalunterricht, es fehlt an individueller Förderung der Schülerinnen und Schüler, und die Eigenverantwortung soll gestärkt werden. Heute, 34 Jahre später, kommt die zweite Schulinspektion der Senatsschulverwaltung noch immer zu dem gleichen Ergebnis, wie auch alle anderen Tests - inklusive Pisa, Känguru und wie sie alle heißen - in den Jahren dazwischen zu den gleichen Ergebnissen geführt haben.
Es ist zum Heulen: Die Probleme sind seit Jahren bekannt, die Lösungsmöglichkeiten ebenfalls, geändert hat sich nach den Aussagen der Beteiligten auch jede Menge, nur verbessert hat sich an der Situation der öffentlichen Schulen offenbar nichts. Sicherlich, mehr Lehrer zur individuellen Förderung der Schüler wären sinnvoll, allein der Haushalt gibt nicht mehr her, sagt Schulsenator Jürgen Zöllner. Sicherlich, mehr moderne Unterrichtsformen wären erfreulich, doch das liegt in den Händen der Schulleiter, sagt Zöllner. Sicherlich, eine Inspektion aller Schulen wäre hilfreich, aber wer nicht mitmachen will, muss auch nicht, räumt Zöllner ein.
Es herrscht zunehmend der Eindruck vor, als ob sich die Berliner Schulverwaltung in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Monsterbehörde entwickelt hat und in einem eigenen Universum fern des Schulalltags ihre Kreise zieht. Denn Untätigkeit kann man der Verwaltung nicht vorwerfen. So wurde zwar in fünf aufeinanderfolgenden Jahren der Lehrplan für den Musikunterricht der 10. Klassen an Gymnasien geändert, bevor er im sechsten Jahr wieder so aussah wie vorher, warum aber dieser Aktionismus ausgerechnet an dieser Stelle dringend notwendig war und nicht eine der wesentlichen Baustellen in Angriff genommen wurde, bleibt das Geheimnis der Verwaltung. Zuletzt geriet der berlinweite Mathematiktest für den mittleren Schulabschluss zum Desaster - aber statt sich mit einer klaren Entschuldigung für den Dilettantismus der Verantwortlichen bei den Schülern mit Anstand aus der Affäre zu ziehen, wurden sie mit einem süffisanten Lächeln zum zweiten - und nach den Bekundungen der Schüler und Mathematiklehrer schwereren - Test verdonnert. Ins Bild passt auch, dass die Gymnasialzeit um ein Jahr verkürzt wurde, ohne dass allerdings die Lehrpläne gleichzeitig entstaubt wurden oder flankierende Hilfestellungen bereitstehen: Der Umgang mit den Schülern gleicht einer Operation am offenen Herzen mit unklarem Ausgang.
Und schon droht mit der Einheitsschule das nächste bildungspolitische Experiment ...
Es fehlt an einer klaren Linie in der Berliner Schulpolitik. Dabei sollte doch der Wissenschaftssenator Zöllner ein großes Interesse daran haben, dass der Schulsenator Zöllner ihm möglichst fähigen Nachwuchs für die kommende Exzellenzinitiative und Spitzenforschung ausbildet.


