Bis auf diesen pressekritischen Unmut war die Stimmung an der "Spinnerbrücke" friedlich wie immer. Das Restaurant an der Ausfahrt "Spanische Allee" der Avus ist ein Kultort der Berliner Motorradfahrer: Raststätte, Ruheraum der Sammlung vor großen Ausfahrten, Kunsthalle für Meisterwerke der Technik, pädagogischer Hain für den Dialog zwischen Alten und Jungen.
Jetzt brennt die Sonne herunter. Die Gruppen haben sich in das weitläufige Gelände auf die rustikalen Bänke verteilt. Ihre Maschinen, Dinosaurier der sichtbaren Mechanik im Zeitalter immer winzigerer, immer versteckterer High Tech, sind am Straßenrand aufgereiht. Das Bild erinnert an die Pferde, die in den in den Wildwestfilmen vor den Saloons auf ihre Reiter warten.
Alle kennen sich irgendwie. Am Phänomen Spinnerbrücke könnten Soziologen studieren, wie aus individueller Glückssuche Gemeinschaft, und aus dieser wiederum Öffentlichkeit wird. Wenn man die Männer in Leder auf das Leitmotiv "Risiko" anspricht, erntet man bei manchen nur lakonisches Abwiegeln:"Ick sage, die bauschen det auch auf allet . Es fallen jenauso viel die Treppe runter und brechen sich det Genick." Überhaupt komme es "immer auf een selbst an, wenn een Irrer die physikalischen Jesetze brechen will, det geht nu mal nich."
Auf einer Maschine, die in Tarnfarben lackiert ist, sitzt eine Gertenschlanke. Mit ihrer Stromliniensonnenbrille sieht sie aus wie eine Filmfigur: den Gürtel schließt ein Totenkopf aus Strass, und die Motorradlampen funkeln wie ein böses Science-Fiction-Tier. Alles Täuschung!
Das Mädchen ist gemütlich, kommt grad aus dem Büro. Die Spinnerbrücke mag sie, weil sie an der Bar, ohne was zu sagen, ihren Milchkaffee kriegt.
Der grauhaarige soignierte Herr kam so zum Motorrad: "Vor sechs Jahren stand ich am Alex an der Ampel, als Fußgänger. Da sah ich so ein Ding. Und es machte in mir Puff - das ist doch, was du immer machen wolltest! Auf dem Motorrad kann nachdenken, philosophieren, man lernt Deutschland kennen. Wär ich sonst auf die Wartburg gekommen? Hätte ich mich sonst mit Goethe und Schiller in Weimar auseinandergesetzt? Wer kennt denn schon Wiepersdorf? Achim und Bettina von Armin. Ein Kleinod. Ich hatte einen wunderbaren Stachelbeerkuchen, und war ganz weit weg." Was der Motorrad-Weise mir mitgibt, passt auch für die Lebensreise: "Man darf nur mit jemanden fahren, mit dem man sich gut versteht."
Bis morgen
Ihr
Christoph Stölzl

