Einen Augenblick lang dachte ich: in der Pause gehst Du hin und sagst... Ja, was eigentlich? Sagst Du: "Mit fünfzehn, 1959, habe ich Sie in `Wir Wunderkinder gesehen und habe mich in Sie verliebt, und eigentlich bin ich es immer noch!"

"Nein", rief die Selbstzensur, "das ist viel zu privat, behalte das mal hübsch für Dich. Man spricht: `Gnädige Frau, Sie kennen mich nicht, darf ich mich Ihnen vorstellen, vielleicht sind wir uns bei den Manifestationen für die Rettung der Kudamm-Bühnen schon einmal begegnet. Gestatten Sie, dass ich Ihnen meine Verehrung für Ihr großartiges Lebenswerk ausdrücke..."

"Nein", flüsterte das Herz, "bevor Du so was Konventionelles aufsagst, das J.v.K. schon abertausende Male hat anhören müssen, sag lieber nichts."

Und dann ging gleich das Stück an und im Pausengewühl sah ich Johanna von Koczian nicht mehr.

Gestern Nacht bin ich nun beim Suchen nach Spätnachrichten im Fernsehen mitten hinein in die "Wunderkinder" geraten. Wolfgang Neuss gab seine bissigen Kommentare über die jüngste deutsche Vergangenheit und ich dachte: Warum gibt es eigentlich keinen Film, der mit der DDR-Geschichte so unnachsichtig und gleichzeitig befreiend ironisch umgeht?

Die Handlung war gerade dort angekommen, wo der aufrechte Demokrat Hans (Hansjörg Felmy), 1933 seinen Zeitungs-Job verloren hat und die Verlobte in die Emigration gegangen ist. Währenddessen macht Schulkamerad Bruno, unvorstellbar fies verkörpert durch den genialen Robert Graf, opportunistisch bei den Nazis Karriere. Dass aus dem politischen Unglück ein privates Glück wird, dafür sorgt Kirsten Hansen aus Dänemark alias J. v. K. Wie ein "Deus ex Machina" landet sie im Fasching auf Hansens Schoß und ist ab da der eigentliche Mittelpunkt des Dramas. Ihre liebliche Stimme mit dem dänischen Akzent, ihr Lächeln aus großen Augen, ihre unerschütterliche Freundlichkeit, aus der dann plötzlich das Kapriziöse hervorbricht - alles überwältigend wie vor 50 Jahren. Kirsten ist als tapfere Mutti in den schlimmen Kriegs- und Nachkriegsjahren so anziehend wie als erotisches Faschingsteufelchen - kurz: ein Frauen-Ideal, unvergesslich.

So, jetzt ist alles gesagt! Und wenn ich Frau von Koczian das nächste Mal im Theater sehe, darf ich ohne Skrupel stumm bleiben.

Bis morgen

Ihr

Christoph Stölzl