Wäre das Buch intakt, wie es vor 8o Jahren - im Februar 1929 - erschienen ist, dann hielte ich einen Schatz in Händen: Auf der Leipziger Buchmesse wird eine Erstausgabe um stattliche 1500 Euro angeboten. Ich habe in Jürgen Holsteins Prachtbuch "Blickfang" über die Berliner Bucheinbände der 1920er Jahre nachgesehen, was mir fehlt: "Lilagraues Ripsleinen mit Balkenverzierung in Blau, Umschlag in Blau, Schwarz und Rot auf weißem Grund".

"Berlin Alexanderplatz" erschien 1929 in einem für die Augen der Zeitgenossen ganz neuartigen Buchumschlag: einer Collage aus handgeschriebenen Zitaten aus dem Roman und ungelenken Zeichnungen, welche die Hauptstationen wie auf einem ein Moritatenplakat darboten. Der Schöpfer, Georg Salter, wurde damit über Nacht berühmt. Sein origineller Einband sollte zum meist zitierten, meist plagiierten Typus der deutschen Verlagsgeschichte werden. Wie Döblin war Salter eine herausragende Figur der Berliner Kultur um 1930 - und wie er wurde er wenig später von den Nazis aus dem Land getrieben.

"Berlin Alexanderplatz" war sofort ein durchschlagender Erfolg. 1931 druckte man schon die 45. Auflage. Die "Generation 1930" hörte in Döblins Buch den unverwechselbaren Klang ihrer Stadt. Döblin hatte die Geschichte des Gelegenheitsarbeiters Franz Biberkopf nicht als allwissender Erzähler, sondern als Monteur abenteuerlich dissonanter Stimmen zu Papier gebracht.

Reportage und Statistik, Zeitungsdeutsch (auch die Morgenpost kommt vor!) und Berliner Jargon, Schlager und Moritaten fließen zusammen. Biberkopfs Schicksalsweg führt in Halb- und Unterwelt, Kleine-Leute-Enge, Häusergewirr und Menschenmassen. Und durch sein Bewusstsein strömen dabei chaotisch Bilder, Gefühle und Assoziationen, wenig geordnet durch kühle Vernunft. Meine Lieblingsfassung des Romans ist Ben Beckers großartige, erschütternde, auf drei Stunden komprimierte Lesung auf CD. Da verwandelt einer - grandios in den Nuancen des Berlinischen! - Worte durch pure Stimmgewalt zu lebensprallen Figuren. Kein "Sprecher" ist das, sondern eine Stimmen-Orgel, die dröhnen, brummen, singen, schluchzen kann. Die Präambel des Romans passt genau auf Beckers leidenschaftliches Sprachkunstwerk: "Dies ... zu hören wird sich für viele lohnen, die wie Franz Biberkopf in einer Menschenhaut wohnen und denen es passiert wie diesem Franz Biberkopf, nämlich vom Leben mehr zu verlangen als das Butterbrot".

Bis morgen

Ihr

Christoph Stölzl