Single Mom

Das gute Gewissen, sein Kind gehen zu lassen

Wenn die erste Einschulung bevorsteht, müssen Eltern dem Helikopter-Reflex stark widerstehen, meint Kolumnistin Caroline Rosales.

Foto: BM Montage

Den Gang die Treppe hoch machen wir gemeinsam. Er will nämlich nicht Aufzug fahren in den sechsten Stock. Er sagt, Aufzug fahren ist peinlich und für Loser. Also gehen wir zu Fuß. Mit Rucksack, meiner Laptoptasche, den Lunchboxen für gefühlt drei Tage, den Wechselsachen, den Hausschuhen, der Fußball-Sportbekleidung. Wir gehen die Treppe hoch, und immerhin greift er plötzlich nach meiner Hand. Mir wird wieder etwas leichter ums Herz. Tatsächlich, wie beruhigend, er ist so groß, aber er braucht mich noch ein bisschen.

Mein sechsjähriger Sohn wird kommende Woche eingeschult, und nun soll er schon mal eine Woche den Hort seiner Schule besuchen. Als Eingewöhnung auf die Vorbereitungswoche sozusagen. Und weil Mama arbeiten muss. Wir gehen durch die Glastür. Da ist eine Art Empfang wie in einer Behörde. Hier werden wir, er und ich, in die Liste eingetragen. Dann läuft er einfach rein und setzt sich an den Rand. Ich würde dasselbe tun an seiner Stelle: den Raum vermessen. Die Lage checken.

Ich schaue ihm von der Anmeldung aus zu, weiter dürfen die Eltern, auch die neuen, nicht mehr gehen. Die rote Linie zwischen Eltern- und Kinderbereich. Ich schlucke. Und denke das, was jede Mutter (vielleicht auch jeder Papa) wohl jetzt denkt. „Mein Baby, er ist so groß. Es ging so schnell. Er ist doch gerade erst geboren, es ist doch erst fünf Minuten her, dass er rosa und nass war.“

Ich spüre ein Tränchen aufsteigen, aber unterdrücke es natürlich sofort. Wie sähe DAS denn jetzt hier aus. Der Sohn will aus Coolness-Gründen nicht mal Aufzug fahren, dafür heult die Muddi hier im Gang. Mimimi. Nein, das würde nicht gehen. „Tschüüsss“, rufe ich noch. Aber nur der Hort-Erzieher winkt aufgeregt zurück. Mein Sohn hebt nur kurz die Hand und gibt mir damit das Zeichen, dass ich gehen kann.

Ich verlasse das Schulgebäude niedergeschlagen wie ein Freiberufler das Finanzamt nach seiner ersten Steuererklärung. Wie ein Häufchen Leid. Der Sinn des Großwerdens ist, seine Eltern immer ein Stück weiter auszumustern und ihnen die Existenzberechtigung zu nehmen. Das Kind kommt ins Schulalter, und meine Aufgabe als Mutter ist ab nun, mich dezent im Hintergrund zu halten, später in der Pubertät das Haus möglichst oft zu verlassen und im Alter, mich gefälligst um meine Sachen zu kümmern.

Wir schulden unseren Eltern nichts. Aber wir schulden unseren Kindern, sie nicht mit unseren Neurosen zu belästigen und an ihnen nicht unsere eigenen Ängste kurieren zu wollen. Ich war zum Beispiel in der Grundschule ein Außenseiter. Ich sprach kein Deutsch, nur Französisch und war dick. Meine Klassenkameraden quälten mich, wie es ihnen passte. Rissen mir Hefte weg, kniffen mir in den Po und warfen meinen Schulranzen ins Gebüsch. Aber warum sollte es meinem Sohn genauso gehen? Heute, zu Zeiten, in denen jede Schule stolz ihre Anti-Mobbing-Kampagne vor sich herträgt.

Ich gehe Richtung Büro, stoppe aber am Edeka. Als ich eine Cola-Dose aus der Kühlung nehmen will, fällt mir eine Box mit „Lego Star Wars“-Karten ins Auge. „Dann könnte er mit seinen neuen Kumpels tauschen“, sagt eine Stimme der Vernunft plötzlich in mir. „Nein, unnötiger Konsum“, brüllt die zweite Stimme in meinem Kopf. Und die dritte, sanfte Stimme sagt: „Aber willst du deinem Kind denn Freunde kaufen? Das geht doch nun wirklich nicht.“ Stimme vier brüllt: „Du dumme Helikoptermutter. Geht es denn noch?“

Ich schaue auf die Uhr, beschließe kurzerhand, dass Stimme zwei, drei und vier die Klappe halten sollen, und lege drei Päckchen von diesen Lego-Karten aufs Kassenband, bezahle, renne zurück zum Hort und stecke die Päckchen in den Rucksack meines Sohnes gleich neben seiner Brotdose. Sollen sie mich doch alle hassen.

Drei Fragen, die ich als Single Mom nicht mehr hören will

Alleinerziehend: Drei Fragen, die Single Mom Caroline Rosales nicht mehr hören will.
Drei Fragen, die ich als Single Mom nicht mehr hören will

Mehr Kolumnen von Caroline Rosales:

Um keinen Preis der Welt als prekär gelten

Der Mythos von der armen unglücklichen Frau

Warum für Single-Dads andere Regeln gelten

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.