Schumachers Woche

Was in unserer Zeit wirklich gegen Einsamkeit hilft

Hajo Schumacher schreibt darüber, warum ein herzliches Gespräch oft mehr bewirkt als die beste Medizin.

Hajo Schumacher

Hajo Schumacher

Foto: Reto Klar/dpa/BM Montage

Berlin. Walter Möbius war der größtkoalitionäre Arzt der Republik. Damals, in Bonn, kamen Minister und Abgeordnete aller Parteien zu Professor Möbius ins Bonner Johanniter-Krankenhaus; sein prominentester Patient war Helmut Kohl. Der Internist Möbius ist bis heute Fan modernster technischer Apparate, aber seine medizinischen Grundsätze klingen eher altmodisch. „Schauen und Zuhören“, sagt der Doktor.

Aber wie soll das gehen, wenn ein Arztbesuch heute im Schnitt sieben Minuten dauert und der Medicus den Kranken bereits nach 24 Sekunden unterbricht, obwohl er ausdauernd auf seinen Bildschirm starrt?

Möbius gilt als „Patientenflüsterer“. Als gelernter Psychiater weiß er von der unterschätzten Macht der Psyche. Manche Beschwerden sind nur Folge seelischen Leids. Möbius bildet sich unentwegt fort, gern in sehr fernen Ländern, dort, wo weder Röntgengerät noch Wlan zu finden sind. Mal behandelt er Tuareg, mal Indigene am Amazonas, mal einsame Insulaner in der Südsee.

Was ein Arzt wirklich kann, zeigt sich, wenn die Reiseapotheke genügen muss. Größten Respekt hat Möbius für die Arbeit von Medizinmännern und Schamanen: Mögen Trommeln, Feuerzauber und Rituale keine pharmazeutischen Effekte haben, so spürt der Patient doch den Zauber der Zuwendung. „Allein das Gefühl, dass sich da einer kümmert, entwickelt eine immense Heilkraft“, weiß Möbius.

Jetzt hat der Patientenflüsterer mit Christian Försch ein Buch über eine der ärgsten Krankheiten unserer Tage geschrieben: Einsamkeit und wie sie sich überwinden lässt. Wie Rauchen, Bewegungsmangel oder starkes Übergewicht kann Einsamkeit krank machen, nicht nur ältere Menschen, sondern auch Junge, die die digitale mit der realen Welt verwechseln. „Die Einzelhaft gilt als Folter“, sagt Möbius, „warum lassen wir zu, dass Menschen jahrelang allein leben.“

Und was tun? Reden, empfiehlt der Praktiker Möbius, am besten sofort, bei jeder Gelegenheit. Ein gutes, herzliches Gespräch lässt sich weder durch Fernseher noch durch Smartphone ersetzen.