Schumachers Woche

Ohne Smartphone in der Natur, das letzte große Abenteuer

Kolumnist Hajo Schumacher schreibt über den Luxus, sich als Großstadtmensch in der Natur zu verlieren.

Hajo Schumacher lässt den Wald auf sich wirken - und  hat nicht einmal sein Smartphone dabei.

Hajo Schumacher lässt den Wald auf sich wirken - und hat nicht einmal sein Smartphone dabei.

Foto: dpa/Jörg Krauthöfer/BM Montage

Neulich haben wir etwas ganz Verrücktes gemacht: Wir haben uns mit Freunden getroffen, auf dem Waldparkplatz, ohne den Termin dreimal zu verlegen. Wir haben vorher keine Route für unseren Spaziergang per GPS festgelegt, weder Tempovorgaben noch Kalorienvernichtungsziele definiert, nicht mal einen Zeitpunkt für die Rückkehr. Wir haben sogar auf den Klassiker aller Frischluftplattitüden verzichtet, den mit dem richtigen Wetter und der falschen Jacke.

Hilfsmittel wie Skistöcke oder Kopfhörer, Wassertonnen oder Energieriegel waren verboten. Smartphones natürlich auch. Survival pur, sogar bei der Unterhaltung. Wir hatten keine durchpriorisierte Agenda von Themen, mit der wir die anderen während des Spaziergangs briefen wollten. Gespräche über tolle Restaurants, exotische Krankheiten oder Neuanschaffungen – alles war streng verboten. Die Welt leidet ja nicht an Rede-, sondern an Ruhemangel. Wir sind dann losgegangen, einfach so, in irgendeine Richtung, mit der wohligen Panik in unseren Köpfen, wir könnten uns in einem Wald verlaufen, der alle 500 Meter einen Schilderbaum bietet.

Einfach nur horchen und loslassen

Nach einer Weile habe ich dann ganz etwas Verrücktes gewagt: Ich bin plötzlich stehen geblieben, einfach so, und habe gelauscht: Was mochte dieses zarte Quietschen sein? Balzende Rohrdommeln, eine verstellte Mountainbike-Bremse oder vielleicht ein Pärchen im Unterholz?

Nein, diesmal nicht gleich die Vogelstimmen-App aktivieren, sondern einfach weiterhorchen. Menschen, die alles haben, sollten einfach mal grundloses Stehenbleiben ausprobieren, Innehalten, Hören, Loslassen, ohne irgendein Ziel zu verfolgen; einfach tief atmen und entspannt an nichts denken. Nicht vollgestopft zu sein, ist Luxus. Die innere Gelassenheit, nicht wissen zu wollen, woher dieses elende Quietschen denn nun wirklich stammt.

Manchmal geht in magischen ­Momenten wie diesen das Singen los, erst einer leise, dann einige laut, schließlich alle im Kanon: „Hejo, spann den Wagen an.“ Wohliges, glückliches Schaudern auf der Haut. Spazierengehen ist wirklich ein Abenteuer. Das machen wir jetzt öfter.