Unser schönstes Weihnachten ist 15 Jahre her. Damals wollten wir bei der Familie in Westfalen feiern, also stramme 500 Kilometer gen Westen. Bis zum Harzrand lief alles noch prächtig, mit dem für die festlich volle Autobahn üblichen Durchschnittstempo von 45 Kilometern pro Stunde. Plötzlich aber fiel Regen auf gefrorenen Asphalt: Blitzeis, das ich bislang für eine Erfindung der Reifenindustrie gehalten hatte. Kati Witt hätte ihren Spaß gehabt. Unser treuer alter Daimler nicht. Sanft wie Seife auf dem nassen Badezimmerboden glitt er dahin, das Lenken war sinnlos. Wir kurbelten die Scheiben herunter, um uns mit den Händen von der Leitplanke und anderen Fahrzeugen abzustoßen. Erst Schrecken, dann erleichterter Spaß. Ein Hoch der Langsamkeit. Warten auf den Streuwagen.

Aus geplanten fünf Stunden Reisezeit waren am Ende neun Stunden geworden; das Essen war kalt, aber das Bier auch. Wir waren so aufgekratzt, dass wir bis zum Morgen zechten und lachten, ohne Kirche und Dicki Hoppenstedt, aber mit „Ist das Leben nicht schön?“, der bei seinem Erscheinen 1946 floppte, als das Leben in Deutschland nicht so schön war. Seither ist der Schwarz-Weiß-Film mit James Stewart allerdings zum Klassiker geworden – auch ohne Netflix und 3-D.

Was wir gelernt haben? Perfektion wird überbewertet. Seit Wochen kriegen wir vorgedudelt, wie der perfekte Braten, das perfekte Gewand, der perfekte Geschenkeberg und hinterher die perfekte Familientherapie auszusehen haben. Alles Quatsch. Erst wenn Maria beim Krippenspiel den Text vergisst, der einsame Nachbar überraschend auf der Matte steht oder Vatis Soufflé kollabiert, erst dann wird Weihnachten schön. Perfektion ist ein Dämon, der nie Ruhe gibt. Alles könnte immer noch eine Spur perfekter sein. Improvisation dagegen schafft Freude, weil sie die Kunst des Loslassens braucht und Vertrauen, dass angenehme Menschen missratenes Essen viel eher verzeihen als schlechte Laune.

Also: Schürze runter, Smartphone ausschalten und das LED-Rentier einfach halb fertig vom Balkon baumeln lassen. Arme sind zum Ausbreiten da und Hände zum Halten. Nur Nähe wärmt wirklich.

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