Um mir die Illusion vom gesunden Leben zu verschaffen, besuche ich bisweilen einen öffentlichen Sportplatz. Dort trabe ich ein paar Runden und simuliere Gymnastik, wie ich sie beim Physiotherapeuten auf dem Plakat gesehen habe.

Häufig tollen dort junge Fußballer umher: Noch häufiger als ihr Smartphone checken sie die Frisur. Dann wird gerotzt und über das Trikot des Mitspielers gesaut, wenngleich genauso arsenal-hässlich, real-teuer und plastikhaltig wie das eigene. Wie immer: Je bewegungsferner der Athlet, desto teurer die Klamotte.

Mutti steht derweil mit Elektro­lyten am Rand und wartet auf einen Spielervermittler. Sprinten, Flanken, Grätschen? Och nee, Trainer, ist so anstrengend. Die aufgeblasenen Prinzen spielen halt nach, was sie auf Youtube sehen – dicke Hose.

Neulich erzählte mir eine Mutter von der Fußballbesessenheit ihrer 12-jährigen Tochter. Sie spiele so gut, dass sie seit sieben Jahren bei den Jungen kickt. Stahlbad. Permanent wird sie von Gegenspielern blöde angequatscht, allein unter Jungs steht sie in der Kabine. So müssen sich Menschen fühlen, die unter Wölfen aufgewachsen sind – tendenziell einsam. Als sie neulich den Siegtreffer erzielte, drehte die gegnerische Jungsmannschaft geschlossen durch. Die Spieler keiften sich gegenseitig an, dass man ja wohl „gegen ein Mädchen“ nicht verlieren dürfe. Der Trainer brüllte die Abwehr nieder. Der Torwart wurde von seinem Vater geohrfeigt.

Ein Einzelfall? Nein, eher der Alltagsbeweis, dass die Mann/Frau-Rollenbilder sehr viel tiefer in unseren Köpfen, Herzen und Seelen nisten, als wir wahrhaben wollen. Als Cristiano Ronaldo unlängst in Turin seinen legendären Fallrückzieher hingelegt hatte, erhob sich das Publikum geschlossen zu Standing Ovations. Der portugiesische Ballkünstler verneigte sich artig.

So geht Sportsgeist, das ist Respekt, mit dieser Haltung sollten wir leben wollen. Wann werden unsere Kinder kapieren, dass allein die Leistung zählt, und nicht, wer sie erbracht hat? Wahrscheinlich erst wenn ihre Eltern so weit sind.

Mehr Kolumnen von Hajo Schumacher: