So, endlich briefgewählt. Über Wochen brüllte mich der Umschlag an: Wähle egoistisch! Für die Kinder! Die Frauen! Dein Gewissen! Deutschland! Mehr Internet. Zuverlässige Menschen. Das Leben ist ein Kompromiss. Und das Schöne am Altern ist das Vergessen: Ich weiß nicht mehr, wo ich gekreuzt habe. Wird schon.

Der Neuseeländer hat es da besser. Dort wird kommendes Wochenende ebenfalls gewählt, aber die Auswahl ist attraktiver. Weil er seine Chancenlosigkeit einsah, trat der sozialdemokratische Kandidat vor einigen Wochen zurück und ließ seine jüngere Stellvertreterin vor: Seither hat die Partei ordentlich dazugewonnen. Zudem hat das Land der Kiwis eine kluge, neue Bewegung zu bieten: „TOP“, die Chancen-Partei, eine Art erwachsener Piraten. Deren Wahlslogan lautet: „Nicht rechts, nicht links, sondern das, was funktioniert.“ Anders als in Deutschland hat der klügere Teil des Landes zu einer neuen Kraft zusammengefunden und will nur umsetzen, was erwiesenermaßen möglichst vielen Menschen zugutekommt. Das ist mal eine Ansage.

Achim Achilles - Hajo Schumacher, PR Aufnahmen, fotografiert von Frank Johannes - www.frankjohannes.com
Achim Achilles - Hajo Schumacher, PR Aufnahmen, fotografiert von Frank Johannes - www.frankjohannes.com© Frank Johannes | Frank Johannes

Die Wahlprogramme der Parteien in Deutschland liegen in diesem Jahr ja eher zwischen Romantik und Voodoo. So redet der talentierte Herr Lindner von der FDP quasi-religiös den alten Quark vom Markt daher, der alles automatisch regele während die strenge Frau Wagenknecht von der Linkspartei hingegen den totalen Staat fordert. Aber die Frage lautet nicht: Kapitalismus oder Sozialismus, sondern: Funktioniert oder nicht.

TOP verzichtet auf die ollen Rituale. Die fünf wichtigsten Themen: Reform von Steuer, Einwanderung, Umweltschutz, Bildung. Gleich dahinter rangieren Konfliktgebiete, die von der Politik gern übersehen werden: Alkoholmissbrauch, Strafvollzug, Gesundheitsprävention statt Reparatur, Themen, bei denen sich mit wenig Aufwand viel ändern ließe, hinterfragte man Gewohnheiten und Glaubenssätze mal. Gut möglich, dass frische Sozialdemokraten und TOP eine bis vor Kurzem noch siegesgewiss konservative Regierung ablösen.

Es wird Zeit für ein globales Wahlrecht. Ich würde meine Stimme in Neuseeland abgeben.