Unsere Ausbilder erklärten uns früher, dass Journalisten sich gefälligst zurückzuhalten und nur zu notieren hätten, was wirklich passiert. Wir glaubten damals tatsächlich an Objektivität. Im Strudel von Informationsfluten und alternativen Fakten ist heute allerdings klar: Realität ist eine individuelle Sache. So kann man das Absagen von Auftritten türkischer Minister für besonders mutig oder besonders undemokratisch halten. Aber was ist davon jetzt objektiv richtig?

Zum Glück gab es immer schon einige rare aber prächtige Exemplare von Journalisten, die sich weder um Objektivität noch andere Gepflogenheiten scherten. Rudolf Augstein ließ sich einsperren, der junge Wallraff enthüllte eine unbarmherzige Arbeitswelt und die Düsternis medialer Doppelmoral, Udo Röbel stieg zu den Geiselnehmern von Gladbeck ins Auto, Christian Liebig und Egon Scotland wurden in Kriegsgebieten erschossen, Jan Böhmermann las ein Gedicht vor. Ob Hunter S. Thompson oder IS-Barde Jürgen Todenhöfer – wenn Journalisten zu Akteuren werden, wird es selten kuschelig, aber immer spannend. Sie erzwingen Debatten, messen Grenzbereiche neu aus, verschieben Standpunkte. Stresstest für Demokratien.

Andere wären abgehauen

Jetzt also der deutsch-türkische Korrespondent Deniz Yücel. Bislang ist nicht bekannt, ob er in Istanbul aus Lust an der Provokation freiwillig zur Polizei ging, ob aus Leichtsinn oder im guten Glauben an den Rechtsstaat Türkei. Andere wären abgehauen. Yücel nicht. Gut so. Seine Haft hat schon jetzt eine Menge bewirkt: Kein Schreibtischtext hätte so viel Interesse an der Türkei und dem Referendum bewirkt, an Merkel und ihren Versuchen, Erdogans Würgegriff zu entkommen, an all den anderen Inhaftierten, am Meinungskampf der türkischen Regierung zwischen Köln und Gaggenau, an der zerstörerischen Kraft von Kränkung, Rache und Ego-Turbulenzen.

Deniz Yücels Haft bedeutet einen Schnell- und Intensivkurs „Erdogans Türkei“, gerade für jene Menschen, die Hup-Korsos für Politik halten. Aufmerksamkeit, Aufklärung, Verständnis – Deniz Yücel hat in nur wenigen Wochen alles erreicht, was ein Journalist schaffen kann.

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