Darf ich in Zeiten wie diesen noch böllern? Der Qualm ruiniert das Klima, der Lärm schürt Terrorängste, das Geld wäre in Afrika besser aufgehoben. Knaller beweisen mentale Militarisierung. Wer an Silvester böllert, der wählt auch AfD. Unsinn. Einmal im Jahr wird man ja wohl seinen Spaß haben dürfen. Die Kinder lieben das Geknalle, die Gattin schätzt den Sternenregen, der Rauch verzieht sich. An Silvester knallt’s, das war immer so, das lassen wir uns nicht auch noch nehmen. Wer nicht böllert, ist eine linke Spaßbremse.
Wieder mal geschafft: ein Allerweltsthema zum Grundsatzkonflikt hochgereizt. Es geht nicht um Lösungen, sondern ums Rechthaben. Trump oder Clinton, Gutmensch oder Neonazi, Böllern oder Brot für die Welt – 2016 war das Jahr der Unversöhnlichkeiten. Mit etwas schlechtem Willen lässt sich eben jedes Thema bis zum beleidigten Schweigen aufheizen, ob Wurstbrot, Radfahren oder praktisch jede Mann/Frau-Angelegenheit. Immer geht gleich die Welt unter.
Die Gesellschaft sei wieder politisiert, heißt die Binse des Jahres. Stimmt nicht. 2016 hat die Menschen polarisiert. Bist du schwarz oder weiß, für oder gegen, links oder rechts? Zwischentöne? Abgeschafft. Zuhören? Mangel an Haltung. Gegnerische Argumente wägen? Zeichen von Schwäche. Der US-Wahlkampf hat den feinen Unterschied zwischen zielführender Debatte und unversöhnlichem Grabenkrieg verdeutlicht. Es geht nicht um Lösungen, sondern um Sieg und Niederlage.
Die hohe Kunst des Kompromisses
Wenn aber jede Debatte mit dem Ziel des Vernichtens geführt wird, verschwindet der Vorrat an Gemeinsamkeiten. Höchste Zeit, die hohe Kunst des Kompromisses wiederzubeleben. Ob Kriege, Scheidungen oder Tarifgespräche – am Ende hilft nur Entgegenkommen. Nicht brutales Entweder-oder gewinnt, sondern das gelassene Sowohl-als-auch.
Und was ist mit der Knallerei? Ganz einfach: Wir haben unser Böllerbudget vom Vorjahr halbiert, was immer noch für ein ordentliches Feuerwerk reicht, die andere Hälfte gespendet und unser Vertrauen in die eigene Lösungsmacht gestärkt.


