Heute gründen wir mal ein Startup. Die Idee ist brillant: Eine Zeitung, nur mit Anzeigen, ansonsten leer. Den Weißraum füllen die Leser, egal womit: Katzenkram, Schnitzelfotos, Erstunkenes, Erlogenes, Verletzendes, Nazidreck. Nur nackte Brüste sind streng verboten, wegen Anstand. Dank moderner Technologie kopiert und verteilt sich diese Zeitung kostenlos von selbst. Hetze und Lügen gehen am besten und befeuern die Anzeigenpreise. Problematische Inhalte? Sache der User. Verantwortung? Klar, kostenloses Inhalte-Teilen ist doch ein toller Service für die Menschen. Wen sharen da die Folgen?

Die Plauderplattform Facebook funktioniert exakt wie ein Anzeigenblatt zum Selberfüllen, nur eben digital. Neben vielen netten Menschen kann dort jeder Strauchdieb seinen Müll abladen. Wie im richtigen Leben gilt bei Facebook: Schrilles, Absurdes, Gemeines oder Brutales wird am liebsten verteilt, der größte Mist macht die meiste Kohle. Nun bedienen sich nicht nur ganz normale Irre der globalen Dreckschleuder, sondern zunehmend professionelle Desinformanten. Deren toxische Kraft illustriert bis heute kein Werk besser als „Das Gerücht“, eine 70 Jahre alte Zeichnung von Anton Paul Weber.

Freiheit will geschützt sein

Da kann man nichts machen, sagen Internet-Romantiker, die gern alte Indianerfrisuren auftragen. Kann man doch, wie die sorgsam herausgefilterten Brüste beweisen. Fachkräfte überprüfen jedes Bild auf sittliche Reinheit, weswegen das Hochladen von Fotos immer ein paar Sekunden dauert. In Körperfragen sind die Kapuzenmänner aus dem Silicon Valley oftmals schwerst verklemmt; bei Lüge und Hetze dagegen hoodiemäßig locker. Meinungsfreiheit und so.

Aber Freiheit will geschützt sein vor denen, die sie missbrauchen. Weil es keinen Algorithmus gibt, der Blödheit, Lüge und Wahrheit filtern kann, müsste Facebook-Chef Zuckerberg eine Brigade von Prüfern nachweislichen Mist aussortieren lassen. Im Zweifel entscheiden die Juristen. Diese Sorgfalt kostet Geld, sie heißt Journalismus und schützt demokratische Freiheit.