Handy verloren

Wie ein Syrer mein Handy fand

Was Vorurteile mit uns anstellen können, hat Hajo Schumacher am eigenen Leib erfahren. Die Geschichte vom verlorenen Handy.

Handy verloren - das kann ganz schnell gehen

Handy verloren - das kann ganz schnell gehen

Foto: Franziska Kraufmann / dpa

Mist. Handy weg. Auf der Parkbank liegen gelassen während der Zeitungslektüre? Unmöglich. Handyvergessen passiert nur Älteren oder meinen Kindern. Eher geklaut. Taschendiebstahl. Man liest ja soviel. Strecke noch mal abfahren. Natürlich nichts. Fundbüro? Zu früh. Zettel an Bäume? Sinnlos. Polizei? Ist im Berliner Wahlkampf eingespannt. Also Hotline: SIM-Karte sperren, neue beantragen, von der Welt abkoppeln. Sind beim geklauten Handy schon drei Stunden Gespräch nach Afghanistan aufgelaufen? Nichts passiert, sagt der Hotliner.

Abends klingelt das Mobiltelefon der Gattin: Imran. Sein Deutsch ist deutlich besser als mein Syrisch. Er hat das Handy gefunden, die meistgewählte Nummer angerufen und würde es gern zurückgeben. Aha. Ich kenne genau einen Imran, der ist prima. Aber sind die alle so? Telefonübergabe am nächsten Mittag. Da hat Imran Pause, sehr kurz. Ich rufe mittags an. Mailbox. Ich rufe noch mal an. Mailbox. Ich ... – genau. Wird mit meinem Handy bereits ein Anschlag vorbereitet?

Abends SMS von Imran: Akku war leer. Neues Treffen, S-Bahnhof Gesundbrunnen. Oha, sozialer Brennpunkt. Soll ich das Auto nehmen? Was, wenn Imran seine Kumpels mitgebracht hat? Sie schlagen mich k. o., greifen sich Brieftasche und Autoschlüssel und behalten das Handy. Blöde Vorurteile. So denke ich eigentlich gar nicht.

Warten vor dem Burgerbrater. Viele junge allein reisende Männer hier, die auf ihre Handys starren. Alter James-Bond-Trick: Ich wähle mit dem Ersatzhandy Imrans Nummer. Wenn hier einer das Telefon ans Ohr nimmt, habe ich ihn. Keiner reagiert. Wahrscheinlich noch in der Moschee. Ich sorge mich ein wenig ums Abendland.

Plötzlich steht ein mittelalter Herr in einem zeitlosen Streifenhemd vor mir. Er hält mein Handy in der Hand. „Oh prima, das ist wirklich sehr freundlich“, sage ich und reiche ihm 20 Euro Finderlohn. Ein neues Handy wäre deutlich teurer gewesen, erkläre ich. Er wehrt ab – die Rückgabe sei doch wohl eine Selbstverständlichkeit. Dann verbeugt sich Imran und taucht ins Gewimmel. Danke. Wieder was gelernt.