Na endlich. Vor Leinwänden und an Grillrosten tauschen wir ab sofort wieder Weisheiten aus: Engländer können keine Elfer, Özil wird explodieren und, klar, Abseits ist, wenn’s pfeift. Zum Arsenal der Fußballphrasen gehört auch der Satz, dass Frankreich mit seinen WM-Siegern ja schon 1998 ein Beispiel für gelungene Integration abgeliefert habe. Und die deutsche WM-Elf von 2014 erst recht.
Leider Unsinn. Nationalmannschaften bilden ihre Länder nicht ab. In der supranationalen Parallelgesellschaft Fußball zählen ganz andere Werte. Integration funktioniert dort, weil Erfolg wichtiger ist als Herkunft. Wer gut spielt, kann auch ohne Latinum in die Weltklasse aufsteigen. Schon beim Kinderkick herrscht ein brutales Auslesesystem, das keinen Elternabend überstünde. Ein Millionärsvater kann dem Sohn einen Stammplatz in Löws Elf weder erklagen noch erkaufen. Über Gehälter, Boni und Transfermillionen regt sich niemand auf. Weil jeder Freizeitkicker weiß, wie viel Fleiß und Begabung ein Profi mitbringt, herrscht zugleich Respekt vor der Leistung anderer. Und kein Trainer würde ein Talent auf der Bank schmoren lassen, damit Pummel Krummfuß auch mal ran darf, wegen der Gerechtigkeit. Inklusion? Quote? Tarifverträge? Egal. Allein der Sieg ist das Ziel, notfalls mit internationaler Härte. Schmerzfreies Miteinander gibt’s in Bullerbü.
Ein Diktator namens Trainer entscheidet
Gesellschaften balancieren widersprüchliche Ziele auf unklaren Spielfeldern aus; Fußball dauert 90 Minuten auf 50 mal 100 Metern nach klaren Kriterien: Wer trifft, gewinnt. Wer foult, fliegt vom Platz. Wer trödelt, auch. Ein Diktator namens Trainer entscheidet, ohne Koalitionspartner, Parlament oder Seehofer zu fragen, riskiert aber auch täglich den Job.
Darwinismus ist im Fußball alternativlos, im Alltag geächtet. Moderne Gesellschaften sind hysterisch, verängstigt, zerstritten; moderne Teams sind cool, selbstbewusst, zielstrebig und zwangskooperativ, weil die Summe eben mehr ist als Einzelne. Europameister wird also nicht, wer sein verwirrtes Land nachspielt, sondern sich vom Irrsinn der Heimat emanzipiert hat.


