Mark Zuckerberg wird wie ein Popstar bejubelt. Alle roten Teppiche, die von der Berlinale noch liegen, werden übereinander gestapelt, Preise erfunden, erwachsene Männer verwandeln sich in kreischende Fanboys, die Selfies machen.
Ja, der Facebook-Chef ist ein einflussreicher Mann, eben deswegen ist ihm mit höchster Vorsicht und Skepsis zu begegnen: Wenn die Kanzlerin einen Supermächtigen trifft, dann wird ihr aufgetragen, sie möge problematische Themen ansprechen. Bei Zuckerberg würde ich mir wünschen, man könnte die systematische Steuervermeidung von Facebook thematisieren, und die generelle Staatsfeindlichkeit, die im Silicon Valley herrscht.
Netz-Milliardäre verfolgen eine bizarre Weltherrschaftsideologie
Es hat sich vielleicht nicht überall herumgesprochen, aber viele der Netz-Milliardäre verfolgen eine ziemlich bizarre Weltherrschaftsideologie, die Libertarismus heißt, den Staat überbewertet findet, freies Wirtschaften zum Zentralwert ernennt und den Menschen zum artigen Konsumenten degradiert, der sich ansonsten selbst helfen möge, aber seine Daten gefälligst abzuliefern hat. Freiheit gern, solange es dem Unternehmen passt. Der Libertarismus ist bei Facebook von ganz oben befohlen; der erste Investor, Peter Thiel, schob Facebook 2004 mit an und gilt als libertärer Vordenker im Silicon Valley.
Das Weltbild ist aber gar nicht das Problem: Viel schlimmer ist die Tatsache, dass Krisenexperten übereinstimmend feststellen, dass das Netz, insbesondere eben der weltgrößte Meinungsmarktplatz Facebook, die Hysterie in Deutschland wie ein Brandbeschleuniger befeuert. Verschwörungstheorien, Bosheiten, Aufrufe zu Straftaten, das ganze Arsenal von Radikalisierung, Verwilderung, Verrohung bekommt durch Facebook noch mehr Fahrt.
Nein, Facebook trägt nicht die Schuld an brennenden Häusern und brüllenden Menschen, aber Zuckerbergs Kanal macht alles schneller, größer, hysterischer. Facebook ist eben nicht nur die große Transparenz- und Demokratisierungsmaschine, die wir uns im kurzen arabischen Frühling vor fünf Jahren herbeiphantasierten. Ob das pazifistische oder zerstörerische Potential von Facebook eines Tages als mächtiger bewertet werden wird, muss sich noch herausstellen.
Facebook kann und will Inhalte kontrollieren
Was hat das mit Zuckerberg zu tun? Ganz einfach: Redakteure, die bei der Berliner Morgenpost jeden Leserkommentar abdrucken würden, wären ihren Job los und zwar zu recht. Wer immer einen Verbreitungskanal betreibt und damit Geld verdient, der trägt Verantwortung, dass dieser Kanal nicht für volksverhetzenden Mist, für Mordaufrufe und andere strafrechtlich relevante Taten missbraucht wird.
Zuckerberg ist ein digitaler Verleger; er schafft Raum für Inhalte, er verbreitet, er kassiert Geld für Werbung. Und das bedingt die Pflicht, den gröbsten Unfug und vor allem Kriminelles zu filtern. Geht nicht? Wäre nicht libertär? Unfug. Kaum geht es um Nacktheit, sind die Facebooker sehr unlibertär. Wie jeder Aushilfsmullah findet Zuckerberg, dass entblößte Menschen diesen Planeten gefährden, aber die Scharia nicht, ob in ihrer sächsischen oder saudischen Variante. Das heißt: Facebook kann und will Inhalte kontrollieren.
Ja, es kostet Geld und Personal, den ganzen Hass- und Hetzmist aus dem Netz zu filtern; es kostet vielleicht sogar Umsatz, wenn man die schlimmsten Hetzer sperrt. Aber es ist wichtig und notwendig. Hoffentlich hat das einer der Fanboys dem duften Mark beim Selfietermin mit auf den Weg gegeben.


