Aus dem Roten Rathaus

Wie die Berliner CDU für die Clubkultur kämpft

Die CDU nähert sich den Kreativen der Berliner Nacht-Szene an. Sogar der Lärmschutz wird infrage gestellt, beobachtet Joachim Fahrun.

Über die Bundesebene versucht Generalsekretär Stefan Evers sich mit anderen Städten zu verbünden, um antiquierte und für das urbane Leben feindliche Regeln des Bundes-Immissionsschutzgesetzes infrage zu stellen, beobachtet Joachim Fahrun.

Über die Bundesebene versucht Generalsekretär Stefan Evers sich mit anderen Städten zu verbünden, um antiquierte und für das urbane Leben feindliche Regeln des Bundes-Immissionsschutzgesetzes infrage zu stellen, beobachtet Joachim Fahrun.

Foto: pa/Reto Klar

Berlin. Konservative stehen nicht unbedingt in dem Ruf, bekennende Fans eines ausschweifenden Nachtlebens mit all seinen Lastern und Lüsternheiten zu sein. Gemeinhin wird das Interesse an durchgetanzten Tagen und durchzechten Nächten politisch eher im liberalen oder linken Spektrum verortet. Aber in Berlin gelten solche Stereotypen natürlich mal wieder nicht.

Diese Woche stiegen zahlreiche Herren mittleren bis fortgeschrittenen Alters, einige im Anzug und mit Schlips, und wenige Damen, einige davon jung und hip, in die Tiefen des Berliner Party-Betriebes herab. Im Tresor, dem Nachfolger der legendären Berliner Techno-Institution der 90er, lud die CDU-Fraktion zum Medientreff.

Gastgeber Dimitri Hegemann, ein Pionier des Berliner Nachtlebens, sprach im schummrigen Club-Licht im früheren Heizkraftwerk Mitte über die „Ökonomie der Nacht“, die 1,5 Milliarden Euro pro Jahr in der Stadt umsetze und zahlreiche Jobs biete. Ein paar Damen tauschten sich auf Englisch über die Regulierungen der Nacht in Berlin und anderswo aus.

Der Ausflug in den Club zeugt von einer bemerkenswerten Allianz. Angetrieben durch den Abgeordneten Christian Goiny hat die Union sich den Kreativen und Impresarios der Nacht-Szene angenähert. Goiny kommt aus Lichterfelde und gehört als haushalts- und medienpolitischer Sprecher seiner Fraktion eher zu den ruhigen Vertretern der Politikerzunft. Gleichzeitig sei er aber auch ein „Feier-Biest“, wie ein Parteifreund halb bewundernd durch das Dunkel raunte. Jedenfalls kennt Goiny alle wichtigen Akteure des Nachtlebens. Sie schätzen ihn, weil er sich dafür stark macht, die Clubkultur in Berlin zu erhalten und zu stärken.

Die Berliner CDU sieht sich als Geburtshelfer für die Party-Metropole Berlin

Die CDU reklamiert sogar für sich, der Geburtshelfer für die Party-Metropole zu sein. 1949 war es, als der Gastronom Heinz Zellermayer den amerikanischen Stadtkommandanten Frank Howley überredete, in den Westsektoren die Sperrstunde abzuschaffen. Zellermayers Argument: Es ist nicht gut für die Sicherheit, halbbetrunkene Zecher zwangsweise vor die Tür zu jagen. Franzosen und Briten hatten den Gründer des Gaststättenverbandes, der von 1958 bis 1979 für die CDU im Abgeordnetenhaus saß, vor die Tür gesetzt. Der Amerikaner stimmte einer Probezeit von 14 Tagen zu. Daraus sind mittlerweile 70 Jahre geworden. Als 1980 die Einführung der Sperrstunde auf der Tagesordnung stand, organisierte Zellermayer den berühmten Kneipenstreik. 6000 Lokale wehrten sich, die Sperrstunde kam nicht.

Heute redet niemand davon, Berlins Kneipen, Clubs und Bars generell um Mitternacht zuzusperren. Die neue Sperrstunde heißt Lärmschutz. Vielerorts klagen Nachtunternehmer über schwindende Spielräume in gentrifizierten Nachbarschaften. Club-Freund Goiny sagt, es sei der rot-rot-grüne Senat beziehungsweise die meist grün-linken Bezirksämter der Szene-Bezirke, die den Clubs das Leben durch allerlei Auflagen und Vorschriften schwer machten. Da hat der Christdemokrat natürlich gut reden. Seine Partei ist in den Party-Hotspots der Stadt kaum mehr als eine Splitterpartei, kann sich also bei lärmgeplagten Nachbarn kaum Sympathien verscherzen.

Aber das Thema ist der CDU ernst. Über die Bundesebene versucht Generalsekretär Stefan Evers sich mit anderen Städten zu verbünden, um antiquierte und für das urbane Leben feindliche Regeln des Bundes-Immissionsschutzgesetzes infrage zu stellen. Krach aus Clubs könnte als Kultur-Lärm ebenso privilegiert werden, wie es Kinderlärm schon ist. Regeln für eine Schweinemastanlage am Stadtrand ließen sich eben schlecht auf Vergnügungsstätten in der Stadt anwenden, so das Argument. Klar, dass Clubbetreiber und Gastronomen solche Unterstützung gut finden. Selbst wenn die Party der Konservativen im Tresor dann doch nicht so wild war. Aber für Mitternacht waren die echten Clubgänger angekündigt. Denn dank Herrn Zellermayer gibt es ja keine Sperrstunde.