Aus dem Roten Rathaus

Der Kampf um die Grünflächen in Berlin

Umweltsenatorin Regine Günther hat einen Entwurf für mehr Stadtgrün vorgelegt. Darin gibt es einige Fußangeln.

Gilbert Schomaker ist stellvertretender Chefredakteur

Gilbert Schomaker ist stellvertretender Chefredakteur

Foto: picture alliance/dpa/ Reto Klar

Manchmal ist es gut, genau hinzuschauen. Umweltsenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) will das Stadtgrün, will Bäume, Parks und auch private Grünflächen erhalten und ausbauen. Das klingt gut. Natürlich besonders gut in den Ohren der potenziellen Grünen-Wähler. Und derjenigen, die gerade keine neue Wohnung suchen. Mehr Grün, mehr Lebenskomfort – schönes Berlin. Dafür will die Senatorin diskutieren, per Internet eine gemeinsame Charta entwickeln. Ganz so einfach geht es nicht.

Das weiß auch Umweltstaatssekretär Stefan Tidow, der kürzlich das Vorhaben erklärte. Das sei kein „Schmusepapier“, was die Umweltverwaltung mit dem Entwurf der Charta vorgelegt habe. Man werde Auseinandersetzungen führen müssen. Den Umweltpolitikern im Senat ist nämlich sehr wohl klar, dass sie auf Widerstand stoßen werden.

Da ist vor allem die Konkurrenz um die Flächen. In der Innenstadt gibt es nicht mehr so viel Freiraum. Die Flächen, die noch vorhanden sind, sollen mit Wohnungen bebaut werden. Eine Innenstadtverdichtung fordern vor allem die Stadtentwicklungspolitiker um Senatorin Katrin Lompscher (Linke). Die Wirtschaftslobbyisten machen darauf aufmerksam, dass auch das wohnortnahe Arbeiten wichtig ist. Deswegen kämpft Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) für Industrieflächen. Soweit die Auseinandersetzungen innerhalb des Senats. Aber Günther weiß auch, dass ihre Rettungsaktion fürs Stadtgrün in der Stadtgesellschaft nicht nur Freunde haben wird.

Da gibt es zum einen die Parks. Sie sind wichtig für den Erholungswert einer Stadt, für die vielen Mieter in den Innenbezirken, die eben keinen Garten oder großen Balkon haben. Aber im Sommer herrschen in Berlins Parks und auch an den Ausflugsseen fast mallorcinische Verhältnisse. Handtuch an Handtuch, Picknick-Decke an Picknick-Decke, Grill an Grill. Da sieht es um die Rasenflächen schnell schlecht bestellt aus. Aus grün wird braun. Dazu hat die Umweltverwaltung einen neuen Trend festgestellt, der den Parks zu schaffen macht. Immer mehr Freizeitveranstaltungen, wie private Yogakurse, nutzen die innerstädtischen Grünflächen. Nun will die Umweltsenatorin die Sportler aus den Grünanlagen herausbekommen. Dafür will sie die Sportplätze öffnen. Da werden sich die Platzwarte der Fußballvereine aber freuen. Denn die Yoga-Freunde wollen natürlich nicht auf die Tartanbahn, sondern auf den sorgsam für die Fußballer gepflegten Rasenplätze. Konflikte sind programmiert.

Besonders aufmerksam sollten Hausbesitzer den Passus „graue Infrastruktur“ im Vorschlag für die Charta „Berliner Stadtgrün“ lesen. Die Senatorin will auch im Wohnungsbestand das Stadtgrün fördern. Das ist gut. Wer freiwillig sein Dach oder seine Fassade begrünen will, soll Unterstützung bekommen. Aber mit der Freiwilligkeit ist das immer so eine Sache. Die landeseigenen Wohnungsbauunternehmen dürfen nicht frei entscheiden, sie werden verpflichtet. Bauwerksbegrünung wird Standard, heißt es in der Charta. Und auch wer neu bauen will, muss damit rechnen, dass es weitere Vorschriften gibt. „In neuen Siedlungsgebieten soll die Dachbegrünung zu einer Regelmaßnahme werden“, heißt es in der Charta. Der Verband der Wohnungsunternehmen in Berlin und Brandenburg warnt schon vor Kostensteigerungen durch neue Vorschriften. Denn die Dächerbegrünung ist nicht ganz billig. Es gibt häufig neue Anforderungen an Statik und Isolierung der Häuser. Zudem können jährliche Kosten entstehen. Besser wäre hier, auch auf Förderprogramme zu setzen. Aber beim Geld hört der Spaß auf – und es beginnt der Zwang.

Apropos, wo das Geld aufhört: Straßenbäume helfen wirklich, Lärm und Hitze zu mindern. Doch in Berlin werden immer noch mehr Bäume abgeholzt als neu angepflanzt.