Woche im Roten Rathaus

Auch in Spandau ist Leben möglich

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller wirbt vor jungen Unternehmensgründern für mehr Beweglichkeit.

Coworking Space (Archivbild)

Coworking Space (Archivbild)

Foto: picture alliance/Reto Klar/BM Montage

Es war der Tag nach der Senatssitzung. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) saß am Mittwochmorgen im Telefónica Basecamp in Mitte und stöhnte. Vor 150 jungen Unternehmern aus der Berliner Start-up-Szene berichtete er über die Auseinandersetzungen im Senat. Ja, das mit den Flächen sei ein Problem. In fast jeder Sitzung gehe es darum, wie die freien Grundstücke und Objekte in Berlin genutzt werden könnten.

Die Stadtentwicklungssenatorin wolle Wohnungen bauen, die Bildungssenatorin wolle auf denselben Flächen Schulen errichten, und die Wirtschaftsenatorin brauche Grundstücke für Unternehmen und junge Gründer. „Das ist ein Problem, darum kann man gar nicht drumherumreden“, so Müller. Er könne eben auch an diesem Mittwoch den Gründern nicht versprechen, dass eben jede Fläche der Wirtschaft zugutekomme.

Was Müller den 150 Zuhörern darlegte – das Ringen um die letzten freien Flächen in Berlin – kann man auch als Wachstumsschmerzen der immer größer werdenden Stadt Berlin bezeichnen. Ein Opfer dieser Problematik ist auch Pia Frey, Co-Gründerin von Opinary. Mit ihrem System können im Internet Meinungen von Kunden abgefragt werden. Das Unternehmen hat Standorte in Berlin, New York und London. In der deutschen Hauptstadt wolle man wachsen. Doch Frey findet kein geeignetes Büro mit gutem Internet. Seit neun Monaten suche sie nun schon. Internationale Mitarbeiter fänden die Arbeitssituation in Berlin „crazy“.

Müller versicherte, dass man an dem Flächenproblem arbeite. So versuche man, über Kooperationen beispielsweise mit den Universitäten oder auch mit privaten Unternehmen wie jetzt beim geplanten Siemens-Campus neue Büros zu schaffen. Aber die Gründer der Start-up-Szene müssten auch bereit sein, nach Steglitz-Zehlendorf oder Spandau auszuweichen. „Auch da ist Leben möglich“, sagte Müller mit Blick auf die jungen Unternehmer, die ihre Firmensitze am liebsten in den coolen Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte ansiedeln. Bei den Gründern im Basecamp löste Müllers Satz vom „Leben in Spandau“ Gelächter aus.

Neues Vergabegesetz soll Öffnungsklausel haben

Ein anderes Problem, das den Unternehmern zu schaffen macht, ist mindestens genauso gravierend: Nach einer ersten Phase, in der sie neue Idee entwickeln, geht ihnen das Geld aus, um die Mitarbeiter weiter zu finanzieren. Städte wie Paris legen große Investitionsfonds auf, um mit Hunderten Millionen Euro die Lösungen für eine moderne, vom Internet getriebene Stadt zu entwickeln. In Berlin hingegen muss ein Unternehmen bei öffentlichen Ausschreibungen eine mehrjährige, erfolgreiche Unternehmensgeschichte nachweisen. Das könnten viele Start-ups gerade nicht, so Maxim Nohroudi, Landessprecher des Verbandes Bitkom. Auch daran arbeite der Senat, so Müller. Das neue Vergabegesetz, mit dem Ausschreibungen für öffentliche Aufträge geregelt werden, werde eine Öffnungsklausel gerade für junge Unternehmen haben. Da bei den Gründern der Faktor Zeit eine große Rolle spielt, waren einige Zuhörer enttäuscht, als sie von Müller erfuhren, wann das neue Gesetz denn fertig sein soll: Ende 2019.

Erstaunen löste noch eine andere Bemerkung von Müller aus. Er habe das Problem, dass er nicht wisse, mit wem er in der sehr vielfältigen Gründerszene sprechen soll. Er könne auf seiner Seite die Wirtschaftssenatorin sowie die Chefs von BVG und anderen Landesunternehmen mitbringen. Aber wen solle er von den Start-up-Unternehmern einladen, fragte Müller. Das verwunderte schon viele. Ein Regierender Bürgermeister, der in der Start-up-Hauptstadt Berlin nicht weiß, mit wem er reden soll? Eigentlich gibt es doch die Wirtschaftsförderer Berlin Partner, die gut mit der Szene vernetzt sind. Dazu eine Senatswirtschaftsverwaltung und die Investitionsbank Berlin. Auf der Veranstaltung im Basecamp jedenfalls boten sich gleich mehrere Jungunternehmer als Gesprächspartner an.

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