Gilbert Schomaker

In der Politik ist das mit der Liebe ja so eine Sache. „Koalitionen sind keine Liebeshochzeit“, sagt zum Beispiel Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) gern. In der Hauptstadt ohnehin. Denn da mussten gleich drei Parteien zusammenfinden. Jede Koalition, gerade auch die neue in Berlin, ist also eine Zweckgemeinschaft auf Zeit. Umso verdächtiger muss es den Beteiligten erscheinen, wenn es in einer Erklärung eines Koalitionspartners heißt: „Liebe Frau Scheeres...“. Aber der Reihe nach.

Rot-Rot-Grün in Berlin macht Ernst mit einem Umsteuern in der Bildungspolitik. Mit viel Geld. Wie Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) diese Woche mitteilte, wird der Senat in Kürze beschließen, die Gehälter der Grundschullehrer anzuheben. Auf 5100 Euro brutto. Das sind 600 Euro mehr als bisher. So eine Steigerung gab es noch nie. Aber Berlin ist zum Geldausgeben gezwungen.

Zur Wahrheit gehört nämlich, dass der Senat nicht von allein auf die Idee der Besserstellung gekommen ist. Die angestellten Lehrer hatten immer wieder gestreikt, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Seit Jahren verweisen sie darauf, dass der Berliner Lehrermangel auch Folge der geringen Bezahlung der angestellten Lehrer ist. Der Senat hatte die Verbeamtung neuer Lehrer gestoppt. Daraufhin war Berlin im Wettbewerb der Bundesländer zurückgefallen. Nun muss der Senat handeln und die Gehälter aufstocken.

Das Bildungssystem wird geflutet mit Halbprofis

Trotzdem reicht das Vorhaben nicht aus, um qualifiziertes Personal zu bekommen. Denn das Bildungssystem wird in diesen Tagen geradezu geflutet mit Halbprofis. Nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft arbeiten mittlerweile nur noch die Hälfte aller Lehrer an Grundschulen mit einer dafür gelernten Ausbildung. Weil so viele an Universitäten ausgebildete Grundschullehrer fehlen, werden immer mehr Quereinsteiger aus anderer Berufen als Pädagogen genutzt. Jetzt muss nicht jeder Quereinsteiger ein schlechter Lehrer sein. Häufig zählen auch Engagement und Berufserfahrung etwas. Aber es gibt die Gefahr einer schleichenden Deprofessionalisierung im Bildungsbetrieb. Nicht nur bei den Schulen.

Senatorin Scheeres hat in ihrer Personalnot auch in den Kitas die Schleusen geöffnet. Nun gilt: Jede dritte Mitarbeiterin kann eine Helferin sein. Zuvor war diese Quote der nicht als Erzieher ausgebildeten Kräfte auf 25 Prozent beschränkt. Dabei sollen die Erzieher schon in der Kita mit der Vorbereitung der Kinder auf die Grundschule beginnen und beispielsweise Sprachdefizite erkennen und beheben. Aber auch diese Öffnung wird keine dauerhafte Lösung sein. Vielen Politikern ist klar, dass man wohl auch den Erziehern höhere Einkommen zugestehen muss. So forderte auch schon die Landesvorsitzende der mitregierenden Grünen, Nina Stahr, dass Erzieher mehr Geld bekommen sollen, um Abwanderungen nach Brandenburg zu stoppen.

Der Vorstoß weckt weitere Begehrlichkeiten

Die Grünen, die bundesweit mit fallenden Umfragewerten zu kämpfen haben, werden in diesen Zeiten sehr deutlich, selbst gegenüber dem eigenen Koalitionspartner. Und da fällt dann in der Erklärung der Satz mit der liebevollen Anrede. „Liebe Frau Scheeres, akut die untragbare Situation in vielen Kitas zu verbessern ist richtig – es dabei zu belassen, wäre fatal für die Zukunft der Kitas der Stadt“, so Stahr. Und möglicherweise auch fatal für die Parteien im beginnenden Bundestagswahlkampf.

Der Vorstoß, die Grundschullehrer besser zu bezahlen, weckt auch anderweitig Begehrlichkeiten. Diese Woche meldete sich auch der Deutsche Beamtenbund. Bei mehreren tausend Stellen, die im öffentlichen Dienst in den nächsten Jahren frei werden, dürfe es keine „Besoldung light“ in Berlin geben, so Frank Becker, Landesvorsitzender des Beamtenbundes. Der regierenden SPD droht eine hausgemachte Gerechtigkeitsdebatte. Ausgerechnet im anlaufenden Bundestagswahlkampf.

Einen Liebesentzug der Wähler – das kann die SPD nicht gebrauchen.