Das Aufatmen war fast in der ganzen Stadt hörbar: Endlich Ferien! Für 400.000 begannen am Mittwoch die Sommerferien. Ausspannen, entspannen, Luft holen, heißt es für Kinder, Eltern und Lehrer – aber nicht für Bildungssenatorin Sandra Scheeres. Für die Sozialdemokratin sind jetzt die wichtigsten Wochen des Jahres, wenn nicht gar ihrer politischen Karriere. Denn in diesen Tagen läuft die heiße Phase der Schulvorbereitungen. Und nichts wäre für die anstehenden Wahlen zum Abgeordnetenhaus schlimmer als ein chaotischer Schulbeginn.
Die Nachricht, die der Senatorin den Ferienbeginn verhagelte, kam von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Die GEW kündigte einen erneuten Lehrerstreik an. Drei Tage sollen Tausende angestellte Lehrer ausgerechnet in der ersten Woche nach den Ferien streiken. Die Gewerkschaft will damit erreichen, dass die angestellten Lehrer besser bezahlt werden. Denn sie werden immer verglichen mit den verbeamteten Lehrern. Ein Streik in der ersten Schulwoche – nur wenige Tage vor der Abgeordnetenhauswahl –, das wäre kein guter Schulanfang für die Bildungssenatorin.
Seit Jahren arbeitet Scheeres daran, dass es eben nicht zu Meldungen über Unterrichtsausfall kommt. Dabei geht es nicht um Streiks, sondern um die Besetzung offener Lehrerstellen. Sie lässt sich einmal in der Woche von einem Referatsleiter des Personalmanagements berichten, wie der Stand der Dinge ist. Zudem lässt sie sich regelmäßig Zahlen kommen. 1360 neue Vollzeit-Lehrer braucht Berlin nach den Sommerferien. Die Betonung liegt bei Vollzeit. Denn in Wirklichkeit benötigen die Schulen deutlich mehr Personal. Gerade im Schuldienst nutzen viele Lehrer und Lehrerinnen die Möglichkeit, nur Teilzeit zu arbeiten. In der aktuellen Datei, die Scheeres diese Woche vorgelegt wurde, fanden sich 1523 registrierte Einstellungsvorgänge. Auch so ein Begriff, den man erklären muss.
Denn Einstellungen von Lehrern vollziehen sich in Berlin auf verschiedenen Ebenen. Über 1000 Menschen sind damit beschäftigt.
Da gibt es zum einen das zentrale Personalmanagement in der Senatsverwaltung für Bildung. Dort gehen per Mail oder auch schriftlich die Bewerbungsunterlagen ein. Und dort gibt es auch eine erste Prüfung. Reichen die Abschlüsse der Bewerber? Wenn alles o.k. ist, werden die Bewerbungen an die Schulaufsichtsämter der Bezirke weitergeleitet. Dann gibt es Vorstellungsrunden mit den Schulleitern. Auch dabei gibt es Fallstricke. Denn nicht jeder Bewerber passt auf das Anforderungsprofil der Schulen. Häufig wollen die Schulleiter jemanden, der auch eine Spezial-AG leitet. So soll der Sportlehrer auch noch eine Fußball-Arbeitsgruppe managen, weil die Schule einen Schwerpunkt in diesem Bereich hat – und eben eine offene Stelle. Das passt nicht immer. Hinzu kommt, dass einige Schulleiter auch vorsichtig sind. Denn haben sie sich erst einmal für einen Bewerber entschieden, müssen sie mit ihm möglicherweise über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte auskommen. Da wird in den Bewerbungsgesprächen schon genau geschaut, ob der Pädagoge zum Lehrerkollegium passt. Auch deswegen suchen Schulleiter dezentral, also jenseits der offiziellen Senatsverfahren, nach Bewerbern.
Wie es aus der Bildungsverwaltung am Freitag hieß, erhofft man sich durch eine Entscheidung der Senatorin eine Entspannung: Denn durch die Erlaubnis, dass ehemalige DDR-Lehrer, die bisher nicht unterrichten durften, nun doch im Unterricht eingesetzt werden können, soll es schnell Verstärkung in den Kollegien geben. Von den 470 Pädagogen haben sich 150 beworben.
Sandra Scheeres, die auch nach der Wahl als Senatorin weitermachen will, gönnt sich deswegen in diesem Sommer auch nur einen kurzen Urlaub. Sie sucht in den Bergen Erholung. Sie sei aber stets erreichbar, hieß es aus der Bildungsverwaltung. Die letzten Nachrichten von der Streikfront der GEW werden sie eher beunruhigen.


