Für die Berliner CDU ist das Rathaus Zehlendorf so eine Art Trutzburg. Seit vielen Jahren regiert die Union mal allein, mal im Bündnis mit den Grünen den bürgerlichen Bezirk im Südwesten der Stadt. Als Rot-Rot in der Hauptstadt an der Macht war, versuchten die Christdemokraten immer wieder, über den mitgliederstärksten Kreisverband Impulse zu setzen. Neben Reinickendorf, das in ähnlich fester CDU-Hand ist, ist Zehlendorf der Hort der Bürgerlichkeit in der Union.

An diesem Sonntag lädt der Kreisverband ins Rathaus Zehlendorf. Zum Jahresempfang. Aber in diesem Jahr und an diesem Sonntag geht es um mehr als ein normales Jahrestreffen. Das eigentlich Brisante findet man im Kleingedruckten. Denn nach Begrüßungsreden durch Bürgermeisterkandidatin Cerstin Richter-Kotowski und Kreischef Thomas Heilmann sowie einem Grußwort des Landesvorsitzenden Frank Henkel soll es am Abend ein „gemeinsames Verfolgen der Ergebnisse der Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt“ geben.

Die Ergebnisse in den drei Bundesländern könnten die CDU in ihren Grundfesten erschüttern – und es könnte bis in den Berliner Landesverband eine Diskussion über den Umgang mit der Flüchtlingsfrage und der AfD entstehen. Denn in wenigen Monaten, genauer am 18. September, wird auch in Berlin gewählt und damit die Machtfrage für die nächsten Jahre neu geklärt.

In der Landesgeschäftsstelle der Union am Wittenbergplatz wird seit einigen Jahren genau registriert, dass sich die Parteienlandschaft wandelt. Die Großen, SPD und CDU, verlieren in der Wählergunst. Kleinere Parteien gewinnen, neue Parteien – wie bei der vergangenen Abgeordnetenhauswahl die Piraten – ziehen in die Parlamente ein.

Durch diese Zersplitterung ist selbst die große Koalition von SPD und CDU gar nicht mehr so groß wie sie früher einmal war. In Berlin sind die „großen“ Parteien in den letzten Umfragen zurechtgestutzt auf deutlich unter 30 Prozent. Die regierenden Parteien, SPD und CDU, haben das Problem, dass die Flüchtlingsfrage sämtliche anderen Politikbereiche überlagert. Denn was hilft es, wenn die Schulverwaltung in dieser Woche tapfer alle Sanierungsausgaben für die Berliner Schulen in einer Karte aufgelistet hat – immerhin eine Milliarden-Summe –, wenn gleichzeitig im Masterplan Integration und Sicherheit neue Millionenforderungen für mehr Deutschunterricht und mehr Kitas aufgelistet werden? Was hilft es der CDU, dass in den vergangenen Jahren Hunderte neue Stellen bei der Polizei entstanden sind, wenn die wachsende Stadt und der Zustrom an Flüchtlingen einen Mehrbedarf von über 500 Stellen ergibt?

In der Berliner CDU hofft man, dass die nächsten Gipfel auf europäischer Ebene mit der Türkei eine Lösung bringen. Auch wenn es nicht mehr lange dauert, bis die Menschen in Berlin zur Wahl­urne gehen, so könnte eine merkliche Abnahme des Zustroms die Stimmungslage ändern. Zudem will die Union auch in Berlin abgelehnte Asylbewerber schneller abschieben. Und die Auseinandersetzung mit der AfD will man offensiv führen.

So kommt es, dass man sich trotz der bangen Blicke auf die Fernsehschirme im Rathaus Zehlendorf Hoffnung macht, die Trutzburgen in Berlin zu halten. Als Gastredner konnte die CDU Steglitz-Zehlendorf für den heutigen Sonntag den Präsidenten des Technischen Hilfswerks (THW) in Deutschland, Albrecht Broemme, gewinnen. Das THW engagiert sich beim Aufbau von Flüchtlingscamps in der Türkei und im Nordirak, möglicherweise bald auch in Griechenland. Der CDU-Kreisvorsitzende, Thomas Heilmann, im Hauptberuf Justizsenator von Berlin, hatte vor Weihnachten Kontakt mit dem Flüchtlingsexperten Broemme aufgenommen und ihn nach Zehlendorf eingeladen. Vielleicht hat Broemme auch einige Tipps für seine alte Wirkungsstätte. Denn der Gastredner war lange Jahre oberster Feuerwehrmann – in Berlin.