Marion lebt bereits seit 40 Jahren allein. Eine Beziehung hatte sie wohl nie im Leben, sieht man mal von den drei Wochen mit Lothar ab; das war aber mehr eine Liebelei. An das Alleinsein hat sie sich gewöhnt, Einsamkeit, die an der Seele nagt, spürt sie selten. Morgen muss sie aber auf sich achten, Heiligabend ist ein gefährlicher Tag. „Der Blues-Tag,“ sagt Marion immer.
Aber morgen wird früh aufgestanden, ein voller Kühlschrank kann die Seele trösten. Einige Besorgungen sind noch zu erledigen. Wie jedes Jahr an den Weihnachtstagen nimmt sie sich vor, sich bei ihrem Bruder zu melden. Beide Eltern sind bereits tot und es gibt nur noch ihn. Sie haben sich vor ewigen Jahren zerstritten, fanden nie wieder zusammen. „Es wäre doch schön …“, denkt sie. Ja, vielleicht greift sie morgen zum Telefonhörer.
Jens lebt seit acht Jahren auf der Straße, ist im Umgang mit den Feiertagen vertraut. Das Geld wird reichen und er wird sich zwei Flaschen Whiskey kaufen. Nicht den von früher, Fassabfüllung, nummeriert, der kostet jetzt 80 Euro. Den, bei dem man Angst hat, blind zu werden; bei neun Euro aber stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis.
Jesus und drei Promille, Jens mag diese Kombination
Die Feier in einer Einrichtung wird etwas helfen, sich abzulenken. Heiligabend hat Jens ein offenes Wort für Jesus. Der zog doch auch herum und lebte auf der Straße. Jesus und drei Promille, Jens mag diese Kombination. Vermutlich wird er draußen schlafen, es ist ja wieder etwas wärmer geworden. „Auf Notübernachtung habe ich keinen Bock.“ Nur nicht an die Kinder denken, bitte auch nicht an seine Verflossene. „Tränen frieren doch bei der Kälte ein.“ Jens ist auch Dichter.
Claudia ist im herkömmlichen Sinn verrückt. Sie ist 40 Jahre alt und hatte ein gutes Jahr. In der Psychiatrie war sie lediglich die ersten zwei Monate dieses Jahres. Ihre Diagnose ist zwar lang, aber die neuen Tabletten sind gut. Das Fest war schon schlimmer, nun Feier bei den Eltern, Gottesdienstbesuch mit ihnen, wenn sie sich denn aufraffen werden. Sonst eben allein.
Wo aber ist überhaupt noch ein Platz frei, ohne dass man zwei Stunden eher anstehen muss? Der Tag, an dem Gottesdienste Hochkonjunktur haben, alle eineinhalb Stunden läuten die Glocken Sturm. Wenn alle Stricke reißen – sie sieht doch gut aus und nett ist sie auch, ein Liebhaber wird sich schon auftreiben lassen. Dann gemeinsam die Einsamkeit teilen, etwas Sex und viel Aperol Spritz. Auf einen Loser hat sie aber keine Lust, zu sehr weht noch der letzte nach.
Heiligabend feiern beide Töchter beim Vater
Britta freut sich auf ihren Dienst in der Bahnhofsmission. Gemeinsam mit anderen für andere da zu sein, das ist ihr Ding. Der Tag geht prima herum, etwas zu essen gibt es auch und nach dem Dienst sitzt man noch eine Stunde gemeinsam zusammen. Das ist dann jedes Mal sehr dicht am Weihnachts-Spirit.
Seyneb hat Angst vor morgen, vor zwei Jahren wurde sie geschieden. Heiligabend feiern beide Töchter beim Vater. Zerrissenheit und Einsamkeit pur morgen, sie freut sich schon auf die Tage danach, da kommen die Töchter wieder zu ihr.
Für Lars wird das ein ganz mieses Fest, denn dieses Jahr starb seine Liebste. Mein Gott, mit 48 Jahren war sie fast plötzlich weg. Lungenkrebs. Es war kaum Zeit für für einen Abschied. Und dabei war sie doch seine Queen und beide waren ein Dreamteam. „Oh Gott, oh Gott, lass diese Tage verstreichen.“
Für einige von uns müssen die Tage einfach vorbeigehen. Schon am ersten Feiertag kann man in Cafés und Restaurants dann wieder unter Menschen. Zwei Insidertipps für alle, denen morgen die Decke auf den Kopf fällt: Von 15 bis 18 Uhr findet bei der Berliner Stadtmission „Christmas to go“ statt, eine Feier auch für Alleinstehende: Lehrter Str. 68 im Festsaal. Und um 22 Uhr treffen sich Menschen dann zum Gottesdienst im Hauptbahnhof. Hier muss niemand anstehen.
Allen trotz allem – gesegnete Weihnachten.


