Kolumne "Nachtgestalten"

Ein Windei findet seinen Platz im Leben

| Lesedauer: 4 Minuten
Dieter Puhl
Dieter Puhl der Leiter "Berliner Stadtmission" am 16. April 2021 auf dem Gelände der Stadtmission in der Lertherstraße in Berlin. Foto: Reto Klar / Funke Foto Services

Dieter Puhl der Leiter "Berliner Stadtmission" am 16. April 2021 auf dem Gelände der Stadtmission in der Lertherstraße in Berlin. Foto: Reto Klar / Funke Foto Services

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Nach 30 Jahren in der Berliner Stadtmission zieht unser Kolumnist eine Bilanz: „Euer Herzblut, das hat mich immer gehalten“.

30 Jahre ist meine Freundin Peggy nun Mitglied der Berliner CDU. Oft war die Partei in der Zeit ihr Zuhause, es gab aber auch Tiefen, und fünfmal war sie in den langen Jahren kurz davor, aus der Partei auszutreten. Peggy war nicht mit jedem Mehrheitsbeschluss einverstanden, auch nicht mit jedem Funktionsträger – aber sie blieb bei der Stange.

Stefan Laurer und Ulrich Neugebauer arbeiten seit 30 Jahren bei der Berliner Stadtmission, ich auch. Alle drei fanden wir unsere Plätze im Leben dort im Bereich der Wohnungslosenhilfe. Einige Male wechselten wir in den Jahren unsere Einsatzorte, den Menschen auf der Straße fühlen wir uns aber kontinuierlich verbunden. Obdachlosigkeit können wir wohl, anderes vielleicht eher weniger.

„Wofür brennen Sie im Leben?“, das war die erste Frage meines Chefs

Gut 30 Jahre ist das her, da trafen Ulrich und ich uns das erste Mal; nacheinander hatten wir unsere Bewerbungsgespräche. Uli lebte da noch in Süddeutschland und konnte sich kaum vorstellen, nach Berlin zu kommen, „eigentlich wollte ich ja gar nicht“. Mich hatte das Leben eher zufällig hierher gespült, als Erzieher und Sozialarbeiter wollte ich damals die Leitung einer Großraumkita übernehmen. Die Stelle war aber vergeben und auf Arbeitslosenhilfe hatte ich einfach keine Lust. „Wofür brennen Sie im Leben?“, das war die erste Frage, mit der mich mein zukünftiger Chef, Walter-Jürgen Ziemer, damals Leitender Diakonischer Mitarbeiter, konfrontierte. „Das kann ja lustig werden“ dachte ich damals, „wer von uns beiden ist denn irrer?“.

Wenig deutete darauf hin: 30 Jahre wurden es bei der Berliner Stadtmission. Ein halbes Leben. Ein vermeintliches Windei fand seinen Platz im Leben! Zufrieden war ich in den Jahren nicht immer, wer ist das schon, manchmal war es auch ein Aushalten; pragmatisch aber, es reichte.

Armut, Obdachlosigkeit, Empathie noch breiter gesellschaftlich andocken

Dreizehn Jahre war ich im Betreuten Wohnen tätig. Das war die anstrengendste Zeit in meinem Berufsleben. Ich war einfach sehr direkt für etliche, ehemals obdachlose Menschen verantwortlich. Es ging um besseres Leben oder elendes Sterben. Die Jahre als Bereichsleiter waren prima, als ehemaliger „Handwerker“ in dem Bereich gelang es mir, etliche Prozesse reibungsloser zu gestalten. Zehn weitere Jahre folgten in der Bahnhofsmission. Viele von Ihnen lernte ich in dieser Zeit persönlich kennen, weil Sie uns unermüdlich unterstützten. Und, gut so – das hält bis heute an. Ich bin danach dem Bereich treu geblieben, versuche Armut, Obdachlosigkeit, Empathie noch breiter gesellschaftlich anzudocken. Einige hören immerhin auf einen alten Mann.

Feiern werde ich dieses kleine Jubiläum übrigens in der kommenden Woche mit meiner Tochter und meiner Familie auf Kreta. Und ich werde mich dabei bei ihnen für das Verständnis bedanken, dass Weihnachtsfeste eben in Einrichtungen begangen wurden; dass das Familienfrühstück am ersten Feiertag mit ihnen dann auch noch verschoben werden musste, weil Ulli Zelle und die Abendschau angerufen hatten. Sondersendungen zum Kälteeinbruch gingen vor.

Ein sonderbarer Christ bin ich dann auch noch

Um Entschuldigung möchte ich die bitten, denen ich nicht ausreichend genug zugehört habe, für die ich mir zu wenig Zeit nahm. Auch meine Freundin stand oft hinten an, das tut mir einfach leid (Fachmann für Nähe in Beziehungen war ich nie im Leben), unsere Beziehung ging folglich den Bach runter.

Und ungeduldig bin ich, oft leider auch kein guter Zuhörer – liebe Leute, sorry. Ein sonderbarer Christ bin ich dann auch noch, machte es damit vielen um mich herum nicht leicht in der Stadtmission. Ich bin schon anders und wollte das auch bleiben. Etwas Entfernung blieb also oft. Geschwister waren wir dann dennoch auch. Die Stadtmission aber hat mich mit Jesus versöhnt, dem gilt mein größter Dank.

Gratulieren möchte ich heute aber noch Stefan und Ulrich. Die Qualität Eurer Arbeit und die etlicher anderer, Euer Herzblut, das hat mich immer gehalten.