Meine Woche

Grüne im Wahlkampf: Von Bullerbü und Oderbruch

| Lesedauer: 4 Minuten
Christine Richter

Die Grünen haben in der vergangenen Woche einmal mehr für Verwirrung gesorgt, beobachtet Christine Richter.

Kommen Sie noch mit? Ich dachte, nach den Fehlern der vergangenen Wochen muss es bei den Grünen doch endlich mal glatt laufen. Doch in den vergangenen Tagen kam ich aus dem Wundern schon wieder nicht mehr heraus.

Los ging es in Brandenburg. Da stellten die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock und Co-Parteichef Robert Habeck am Dienstag beim Waldspaziergang ihr Klimaschutzprogramm vor. Wer sich den – natürlich über die sozialen Medien verbreiteten – Videoschnipsel anschaut, in dem Baerbock redet und Habeck wegschaut oder sich wegdreht, der ahnt, was bei den Grünen los ist. Mehr Körpersprache geht nicht. Und dann sagt Baerbock noch: „Da ist der Wald hier im Oderbruch anders als der Wald im Süden des Landes.“ Dumm nur, dass sie gar nicht im Oderbruch steht. Und wäre sie schon einmal dort gewesen, dann wäre ihr das auch aufgefallen. Das Oderbruch, das ist flaches Land, Baerbock und Habeck hielten sich rund 30 Kilometer entfernt im hügeligen Naturschutzgebiet Biesenthaler Becken nördlich von Bernau auf. Kann passieren? Darf nicht passieren, jedenfalls nicht einer Politikerin wie Baerbock, die in Brandenburg zu Hause ist und in Potsdam für den Bundestag kandidiert.

Grüne schneiden drei Männer aus dem Foto

Verwirrt haben mich auch die Berliner Grünen mit ihrer Spitzenkandidatin Bettina Jarasch. Sie lud gemeinsam mit Baerbock und der Grünen-Fraktionsvorsitzenden aus Berlin, Silke Gebel, die in Mitte für das Abgeordnetenhaus antritt, am Montagabend zum Vor-Ort-Termin ein. Um in Mitte vorzustellen, wie aus Parkplätzen Parks werden sollen. Man stellte sich dann noch zum gemeinsamen Gruppenfoto auf. Die Grünen aus Mitte twittern später das Foto, auf dem Baerbock, Jarasch, Gebel und drei andere jungen Frauen zu sehen sind – und schrieben dazu: „Während sich auf den Gruppenfotos der Union wieder alte Männer zusammendrängen ...“

Dumm nur, dass das Gruppenfoto im Original ganz anders aussah. Die Grünen hatten schlicht drei Männer, alle mit Migrationshintergrund, die rechts und links von den Frauen standen, weggeschnitten. Auweia. Hätte das eine andere Partei gemacht, es hätte, da bin ich mir sicher, einen Aufschrei gegeben, wie rassistisch und sexistisch diese Fotoverschnipselei sei. So aber schwiegen die Grünen. Ich hoffe, sie haben sich wenigstens geschämt.

Bullerbü liegt draußen auf dem Land, nicht in Berlin

Weil es nur noch knapp 50 Tage bis zur Wahl sind, haben alle Parteien das Tempo erhöht – und so gab es in dieser Woche gleich mehrere Termine mit Bettina Jarasch. Am Dienstag stellte sie dann noch ihre Visionen für die Stadtentwicklung vor, mit wahrlich hübschen Simulationen, wie die Stadt, etwa an der Danziger Straße in Prenzlauer Berg, am Tauentzien in der City West oder am Elsterwerdaer Platz in Biesdorf, umgebaut werden könnte. Und, so Jarasch, die Devise für Berlin sei klar: „Mehr Bullerbü mitten in der Hauptstadt.“

Bullerbü? Ich gestehe, ich habe die Bücher von Astrid Lindgren geliebt, ich habe als Kind und Jugendliche von einem Leben auf dem Bauernhof geträumt, häufig auf einem Bauernhof im Schwarzwald mitgearbeitet – und bin dann doch in die Großstadt Berlin gezogen. Wie viele andere Menschen in Berlin bin ich überzeugt, dass es mehr und vor allem auch sicheren Platz für Fußgänger oder Radfahrer geben muss, dass wir froh sein können über das viele Grün in Berlin. Aber Bullerbü? Diese Illusion zu wecken, ist ähnlich falsch wie die temporären Spielstraßen, bei denen Kinder dann zwischen Autos auf der Straße spielen. Ich denke dann immer: Hoffentlich wissen die Kinder, dass das nur an diesem Tag gilt.

Bullerbü – das liegt draußen auf dem Land, nicht in der Metropole Berlin mit knapp vier Millionen Einwohnern.