Meine Woche

Die "autofreie Friedrichstraße" zeigt: Es geht um Ideologie

Die Friedrichstraße wird autofrei, eine Flaniermeile wird sie aber nicht. Ein ideologisches Projekt, schreibt Christine Richter.

Christine Richter, Chefredakteurin der Berliner Morgenpost

Christine Richter, Chefredakteurin der Berliner Morgenpost

Foto: dpa/Reto Klar

Berlin. Es ist ein Projekt mit hoher symbolischer Wucht: die autofreie Friedrichstraße in Mitte. Schon seit Monaten diskutieren die Parteien, die Wirtschaftsverbände, die Anwohner und vor allem die Gewerbetreibenden über die Idee, die Autofahrer von der zentralen Nord-Süd-Verbindung in der Stadtmitte auszusperren. Im vergangenen Jahr gab es einen kleinen Versuch, diesmal soll es auf Wunsch der grünen Verkehrssenatorin Regine Günther und des grünen Bezirksbürgermeisters Stephan von Dassel die große Lösung sein.

Über mehrere Monate soll die Straße autofrei bleiben. Mit dem Ziel, die Aufenthaltsqualität an dieser Straße zu stärken, mehr Menschen zum Einkaufen oder Ausgehen an diesen Ort zu locken. Wenn es den Händlern und Gastronomen hilft, kann man das ausprobieren, dachte ich.

Doch in Berlin hat der Senat immer auch etwas anderes im Blick. Das wurde am Donnerstag klar, als Verkehrssenatorin Günther die Pläne für die Friedrichstraße im Verkehrsausschuss vorstellte. Nach mehreren Verzögerungen soll es ab 29. August so weit sein: Die Autos werden für fünf Monate von der Friedrichstraße verbannt. Doch es entsteht jetzt keine Flaniermeile für Fußgänger, sondern ein Radweg. Ein Radschnellweg, prophezeien die Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) und der Einzelhandelsverband Berlin-Brandenburg. Sogar der Verein „Die Mitte“, der sich für die Interessen der Anwohner und Gewerbetreibenden einsetzt, schließt sich dieser Einschätzung an.

Von der "autofreien Friedrichstraße" profitieren eher Radfahrer, nicht Fußgänger

„Senat und Bezirk müssen sich fragen lassen, ob sie beim Projekt ,Autofreie Friedrichstraße‘ mit Blick auf die Zielsetzung immer mit offenen Karten gespielt haben“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder. Es klang schon sehr frustriert. Denn eigentlich war das Ziel ja, die Einkaufsmeile zu altem Glanz zurückzuführen. Voraussetzung dafür ist aber, dass die Menschen, die dorthin zum Shoppen kommen, auch Platz haben, sich den Raum zurückerobern können, wie es in den Diskussionen in den vergangenen Monaten immer wieder hieß. Gern wurde dann auch der Vergleich zum Times Square in New York gezogen, wo eine große Fußgängerzone entstanden ist und sich seitdem mehr Menschen aufhalten.

Doch in Berlin entsteht ein breiter Radweg. Und wer die Berliner Radfahrer kennt, weiß, dass sie sich diese Chance nicht entgehen lassen werden. Diese Fahrradstraßen ohne Autos eignen sich zur schnellen Fahrt, zumal auf einer solch guten Nord-Süd-Verbindung. Für die Fußgänger bleiben dann einige, nach Ansicht der Wirtschaftsverbände zu wenige, Querungsmöglichkeiten.

Es geht den Grünen nur um die Durchsetzung der eigenen Interessen

„Bei der derzeitigen Planung sind Konflikte zwischen Flaneuren und Radfahrern jedenfalls vorprogrammiert“, sagt IHK-Vertreter Eder. „Statt gemeinsam ein tragfähiges Konzept zur Stärkung des Handels zu entwickeln, hat die Verkehrssenatorin nun einen Radschnellweg durchgesetzt“, schimpft der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg, Nils Busch-Petersen. Und: „Kunden werden auf dem Gehweg durch die Straße geschleust, ohne ausreichend Möglichkeiten zu haben, die Straßenseite zu wechseln.“

Wie viele andere auch haben die Wirtschaftsvertreter gedacht, der Senat und der Bezirk hätten Interesse an einem Projekt, bei dem alle Beteiligten einbezogen werden, bei dem alle Vorschläge diskutiert und dann Kompromisse gefunden werden. So etwas nennt man Partizipation. Doch selbst beim Projekt Friedrichstraße lernt man einmal mehr: Es geht den Grünen nur um die Durchsetzung der eigenen Interessen. Auch an der Friedrichstraße geht es ihnen zuallererst um die Radfahrer, nicht aber um die Fußgänger oder die Händler.

Partizipation, die gibt es in Berlin nur, wenn es ins Konzept der rot-rot-grünen Regierung passt.