Meine Woche

Ein Fest für die Freiheit

Über den Mauerfall in Berlin muss auch 30 Jahre danach noch viel gesprochen werden, meint Christine Richter.

So feiert Berlin 30 Jahre Mauerfall

Eine Nacht voller Emotionen. Am 09. November fiel die Berliner Mauer. 30 Jahre später feiern die Menschen am Brandenburger Tor. Erleben Sie die schönsten Bilder.

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Christine Richter über das Mauerfall-Jubiläum in Berlin.

Christine Richter über das Mauerfall-Jubiläum in Berlin.

Foto: dpa/Reto Klar/Montage: BM

Berlin. Es ist ein grauer Tag gewesen, wie damals, vor 30 Jahren, als in Berlin die Mauer fiel, aber auch am gestrigen Sonnabend ist in Berlin wieder viel gefeiert worden. Am Vormittag gedachten Politiker, ehemalige DDR-Bürgerrechtler und andere Berliner an der Gedenkstätte Bernauer Straße des Mauerfalls vom 9. November 1989. Am Abend gab es dann ein großes Fest am Brandenburger Tor. Richtig so, denn es ist ein Festtag, dieser Tag des Mauerfalls.

Ich hatte das Privileg, schon am Freitagabend an der Gala im Bode-Museum, ausgerichtet von unserer Tourismus-Marketing-Gesellschaft „Visit Berlin“ und von der Gesellschaft Kulturprojekte Berlin, teilnehmen zu dürfen. Ihnen verdanken wir die großartige Installation am Brandenburger Tor, die Idee, sich an sieben Orten in Berlin – vom Stasi-Gefängnis bis zur East Side Gallery – mit dem Mauerfall auseinanderzusetzen.

Mit dabei waren am Freitag auch viele Bürgerrechtler, Roland Jahn, der Chef der Stasiunterlagen-Behörde, ehemalige und aktive Politiker, aber auch die Journalisten Peter Brinkmann und Georg Mascolo. Der eine stellte bei der Pressekonferenz von Günter Schabowski die entscheidende Frage zur Reisefreiheit, der andere war als junger Volontär an der Bornholmer Straße, als die Schranke geöffnet wurde. Alle Redner erinnerten an die Zeit damals, als sich die Menschen immer mehr Macht vom Staat, vom SED-Regime nahmen, als sie sich nicht mehr einschüchtern ließen, weder von der SED und ihren führenden Vertretern wie Egon Krenz noch von der Stasi. Alle erinnerten an den Mut, den man dafür brauchte – und die Freiheit, die am 9. November 1989 errungen wurde.

DDR-Diktatur und Mauerfall in der Schule kaum behandelt

Wie wichtig es ist, auch 30 Jahre danach an die Ereignisse von 1989 zu erinnern, wurde mir in den vergangenen Tagen wieder einmal klar. Ich war bei einigen Diskussionsrunden – und sprach mit jungen Menschen, Schülern und Studenten, die klagten, dass im Unterricht die DDR-Diktatur und der spätere Mauerfall kaum oder gar nicht behandelt wurden. „Der Mauerfall kam nur ganz kurz dran, wir haben dann noch die neuen Bundesländer besprochen, das war‘s“, erzählte mir ein 21-Jähriger. Ich hoffe, dass das die Ausnahme ist, dass gerade in Berlin die Trennung der Stadt über 28 Jahre hinweg, dass der 9. November 1989 und die politische, die wirtschaftliche Entwicklung danach eine Rolle spielen. In den Schulen, an den Universitäten, hoffentlich auch in den Familien.

Ehemalige Bürgerrechtler kritisierten in diesen Tagen die Versuche, die Geschichte umzudeuten. In Ostdeutschland versucht dies die AfD, die auf einmal die „Wende 2.0“ vollenden will, die sich als die Vertreter der sozial Abgehängten verkauft und auf ostdeutsch tut, obwohl doch etliche Führungskräfte aus dem Westen kommen. Andere feiern die Grenzer, die in der Nacht zum 10. November die Schranke öffneten, ignorieren aber völlig die Tatsache, dass sie häufig in der Stasi waren, dass sie die Grenze, an der so viele Menschen starben, jahrelang verteidigten. Und andere meinen, man müsse Egon Krenz dankbar sein. Egon Krenz, der FDJ-Chef, ab 1973 Mitglied des Zentralkomitees der SED und später des SED-Politbüros, der die Politik der SED bedingungslos umsetzte. Eine Politik, bei der die Stasi die Menschen drangsalierte, verfolgte, ins Gefängnis brachte und auch umbrachte. Ich hätte solche Versuche, die Geschichte der DDR und des Mauerfalls umzudeuten, nicht für möglich gehalten.

Was also tun? Die DDR-Geschichte an den Schulen so erklären, dass sie alle verstehen. Die ehemaligen Bürgerrechtler, die Zeitzeugen, die Wissenschaftler, die die Fakten zur SED und Stasi kennen, einladen und mit ihnen sprechen. Ihre Berichte und Erfahrungen dokumentieren – für die nachfolgenden Generationen. Und jedes Jahr den Mauerfall feiern – das Fest der Freiheit.

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