Meine Woche

Ein Neuanfang für die Gedenkstätte Hohenschönhausen

Berlin veranstaltet das Einheitsfest – und sorgt sich hoffentlich um die wichtige Arbeit der Stasiopfer-Gedenkstätte.

Geht Ihnen das auch so? Es passiert so viel in nur einer Woche, dass man sich am Freitag schon konzentrieren muss, um all die Ereignisse in den vergangenen Tagen zu rekapitulieren. Ist das wirklich erst sieben Tage her? Vor einer Woche, am vergangenen Sonnabend, haben wir mit vielen von Ihnen das Leserfest anlässlich des 120. Geburtstags der Berliner Morgenpost gefeiert – und viele interessante Gespräche geführt. Was für ein vergnüglicher Tag! Und kaum war das Wochenende vorbei, ging es mal wieder hoch her in Berlin, in der großen und der kleinen Politik.

Die Unionsfraktion im Bundestag wählte überraschend – zumindest für die meisten Journalisten – einen neuen Fraktionschef. Oder anders gesagt, sie wählte Volker Kauder ab. Der Neue, Ralph Brinkhaus, gewann nicht mal knapp, sondern deutlich mit 125 zu 112 Stimmen. Wer Angela Merkel an diesem Abend gesehen oder erlebt hat, der ahnt, was für ein Schlag das für sie war. Tritt sie zurück, war die Frage, die ich bei einigen Gesprächen mit Bundespolitikern an den Abenden danach diskutierte – vertraulich natürlich. Der Tenor war eindeutig: „Nein.“ Aber, so hieß es, wenn sie klug sei, dann entwerfe sie ein Ausstiegsszenario, wann sie den Parteivorsitz – für den sie im Dezember ja nochmals kandidieren will – und auch das Kanzleramt abgebe.

Und wer kommt dann? Nun, Politiker und Journalisten machen eines besonders gerne: spekulieren. Deshalb gibt es auch ganz viele Namen – von Annegret Kramp-Karrenbauer über Jens Spahn bis Armin Laschet –, aber sicher ist keiner davon. Also spekulieren Sie ruhig mit!

Hubertus Knabe kämpfte gegen die Verharmloser

Überrascht wurde ich aber nicht nur von dem Wechsel in der Unionsfraktion, sondern auch von den Personalentscheidungen in der Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen. Eine so wichtige Einrichtung. In den vergangenen 17 Jahren wurde sie geleitet von Hubertus Knabe, einem streitbaren, einem konservativen Mann, der immer für die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit, gegen das Vergessen des Stasi-Unrechts, gegen die Verharmloser und all die alten Stasi-Seilschaften kämpfte.

Vor zehn Tagen war dann bekannt geworden, dass sein Stellvertreter Mitarbeiterinnen der Gedenkstätte sexuell belästigt, auch anzügliche SMS und Mails geschrieben haben soll. Die Vorwürfe waren schon vor zwei Jahren erhoben worden, der Vize damals von Knabe ermahnt, aber nicht entlassen worden. Nun äußerten mehrere Mitarbeiterinnen anonym in Schreiben an Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und Kultursenator Klaus Lederer (Linke) wieder schlimme Vorwürfe, Knabe beurlaubte seinen Vize am Montag – und wurde am Dienstag dann selbst aus dem Amt gehoben. Weil er als Führungskraft versagt habe, sagte Lederer. Weil mit ihm kein Neuanfang in der Gedenkstätte möglich sei. Der Stiftungsrat entschied sogar einstimmig, sich von Knabe zu trennen.

Zentrale Einheitsfeier dieses Jahr in Berlin

Ich kann nicht beurteilen, was da in der Gedenkstätte los war, was dort für ein Klima herrschte, dass sich die Frauen bis heute nur anonym trauen, ihre offensichtlich begründeten Sexismus-Vorwürfe zu erheben. Ich weiß nicht, warum Knabe als Vorgesetzter nicht früher und konsequenter gehandelt hat. Aber ich hoffe auch, dass man Knabe nun nicht Unrecht tut, denn er hat für Berlin wirklich wertvolle Arbeit geleistet. Und ich hoffe, dass der Linken-Senator nicht nur die Gelegenheit genutzt hat, einen unbequemen Menschen los zu werden. Für die Übergangszeit soll Marianne Birthler, die ehemalige Beauftragte für die Stasi-Unterlagen, die Gedenkstätte leiten und einen Neuanfang ermöglichen. Das zumindest ist eine gute Wahl.

Die Überwindung der deutschen Teilung steht auch in der nächsten Woche im Mittelpunkt. Denn am Mittwoch, 3. Oktober, findet das zentrale Einheitsfest in Berlin statt, da Berlin in diesem Jahr die Bundesratspräsidentschaft inne hat. 28 Jahre ist das her, dass wir wieder zu einem deutschen Staat wurden. 28 Jahre, in dem vieles gut lief und manches nicht gelang. Ein Grund zum Feiern, das ist es allemal.