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VW kauft einen seiner schärfsten Kritiker vom Markt

Michael Manske macht jetzt PR für den Konzern, den er einst hart anging: Der Reporter wechselt von „Bild“ zum Autobauer Volkswagen.

Das Logo von Volkswagen auf dem Hauptsitz des Unternehmens in Wolfsburg.

Das Logo von Volkswagen auf dem Hauptsitz des Unternehmens in Wolfsburg.

Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa

Berlin.  Vor gut einem Jahr wurde das ohnehin durch den Abgasskandal arg ramponierte Image von Volkswagen noch etwas mehr beschädigt: Nicht nur, dass der Konzern aus dem niedersächsischen Wolfsburg die Abgaswerte seiner Dieselflotte massiv manipuliert hatte.

Die „New York Times“ berichtete im Januar 2018, deutsche Automobilhersteller hätten 2012 in den USA Dieselabgase an ­Affen getestet. Federführend bei den ethisch fragwürdigen Versuchen sei VW gewesen.

„Bild“ stieg, wie auch andere deutsche Blätter, groß in die Geschichte ein. Für das Emotionale war Kolumnist Franz Josef Wagner („Liebe Affen“) zuständig. Um den VW-Aspekt kümmerte sich der Reporter Michael Manske.

Er konstatierte, dass „der frühere Vize-Sprecher der Bundesregierung Thomas Steg“, der damalige VW-Cheflobbyist, „der ranghöchste Mitwisser“ im Konzern sei. „Schämen Sie sich für diese Affenschande?“, fragte er den ehemaligen Politiker in einem sogenannten „Bild“-Verhör. Einen Tag später konnte Manske dann Vollzug melden: „Steg bot nach den ,Bild‘-Enthüllungen seinen Rücktritt an, VW-Boss Matthias Müller nahm das Angebot an“, schrieb er.

„Bild“-Mann kümmert sich um Krisen-PR bei VW

Nun wechselt Manske die Seiten: Er hat bei „Bild“ gekündigt und fängt in der Unternehmenskommunikation von Volkswagen an. Dort wird sich der gelernte Journalist um Krisen-PR kümmern. Das hat er dieser Redaktion auf Anfrage bestätigt. Wann er genau anfängt, möchte er nicht sagen. Auch seine Beweggründe für den Wechsel behält Manske lieber für sich. VW wiederum ließ eine Anfrage zu der Personalie unbeantwortet.

Klar ist: Mit Manske kaufen die Wolfsburger einen ihrer schärfsten Kritiker vom Markt. In unschöner Erinnerung dürfte ihnen noch der „offene Wut-Brief“ sein, den der „Bild“-Redakteur im April 2016 an die Konzernspitze schrieb. Anlass für Manskes emotionalen Ausbruch („Wolfsburg ist stinksauer auf Euch!“) waren Bonuszahlungen in Höhe von gut 35 Millionen Euro, die sich das damalige VW-Management trotz des Abgasskandals genehmigt hatte.

Um seine eigene Betroffenheit zu illustrieren, verwies Manske auf seine Herkunft: „Ich bin in Wolfsburg geboren. Mit Volkswagen bin ich aufgewachsen. Meine Familie arbeitet dort, auch der Großteil meiner Freunde schuftet am Band und in Büros.“ Wer wollte, konnte diese Passage auch so verstehen: „Ich bin im Konzern bestens vernetzt. Die nächsten Enthüllungen sind nur eine Frage der Zeit.“

Manske schien große Journalisten-Karriere vor sich zu haben

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Konzerne Kritiker vom Markt kaufen. Und es ist auch nicht ehrenrührig, wenn Journalisten die Seiten wechseln. In der Regel tun sie das am Ende ihrer Karriere, um noch einmal etwas Neues zu beginnen.

Manske, der seine Laufbahn 2013 als Volontär bei der „Hamburger Morgenpost“ begann, ist jedoch noch keine 30 Jahre alt. 2016, da war er 26, nahm ihn das „Medium Magazin“ in seine Liste „30 unter 30“ auf, in der das Fachblatt die besten Talente der Branche versammelt.

Dem „Bild“-Mann schien eine große Karriere als Journalist offenzustehen. Und tatsächlich wurde er bereits im Januar 2018 zum „Verantwortlichen Redakteur“ befördert. 2014 war er zu dem Boulevardblatt gewechselt, wo er laut seines Eintrags im Karriereportal Xing zunächst als „HSV-Reporter“ wirkte.

Manske trifft auf alten Bekannten

Aber auch wenn Manske VW eines Tages wieder verlassen sollte, um in den Journalismus zurückzukehren, dürfte er es sehr schwer haben. Für Journalisten, die sich entschieden haben, die Seiten zu wechseln, gibt es in den seltensten Fällen ein Zurück. Da ist die Branche hart.

Bei VW wird Manske übrigens auf einen alten Bekannten treffen: Cheflobbyist Steg ist dort wieder in Amt und Würden. Ihm seien „weder ein pflichtwidriges Verhalten noch arbeitsrechtlich relevante Verstöße“ nachzuweisen, teilte der Konzern bereits im Juni 2018 mit.

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