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„Tempo“: Der Verfall einer stilprägenden Zeitgeistmarke

Der Niedergang der Marke „Tempo“ lässt sich wohl kaum aufhalten: Im Herbstprogramm des Verlags erscheint auch Ratgeberliteratur.

Das Magazin „Tempo“ war respektlos, unberechenbar und gnadenlos subjektiv. Später entstand der Tempo-Verlag, der es im hart umkämpften deutschen Buchmarkt nicht leicht hatte.

Das Magazin „Tempo“ war respektlos, unberechenbar und gnadenlos subjektiv. Später entstand der Tempo-Verlag, der es im hart umkämpften deutschen Buchmarkt nicht leicht hatte.

Foto: imago stock&people

Hamburg.  Das Zeitgeist-Magazin „Tempo“ war in den 80er- und 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts so ziemlich das Heißeste, was es auf dem deutschsprachigen Zeitschriftenmarkt gab. Das Blatt war respektlos, unberechenbar und gnadenlos subjektiv.

Für das Zentralorgan der deutschen Pop-Kultur schrieben Autoren wie Christian Kracht, Maxim Biller und Rainald Goetz. Das Magazin, das 1996 eingestellt wurde, ist bis heute stilprägend. 2006 erschien noch eine von Gründungschefredakteur Markus Peichl verantwortete Jubiläumsausgabe in Katalogstärke. Das war es dann.

Das heißt, nicht ganz: „Tempo“ erschien im Jahreszeiten Verlag, der wiederum Teil der Hamburger Ganske Gruppe ist. Zu Ganske gehört auch der Buchverlag Hoffmann und Campe (HoCa). Dessen damaliger Leiter Daniel Kampa rief Ende 2016 den Tempo-Verlag ins Leben. Er sollte laut Pressetext das Forum für „neue, unkonventionelle literarische Stimmen aus Deutschland und der Welt“ sein.

Herbstprogramm mit Ratgeberliteratur

Die Anlehnung an das Zeitgeistmagazin, dessen Logo der Verlag nutzt, ist Absicht. Zum ersten Programm des HoCa-Ablegers gehörte der Roman des einstigen „Tempo“-Redakteurs Uwe Kopf „Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“ ebenso wie eine Sammlung von Maxim Billers „Tempo“-Kolumnen „100 Zeilen Hass“. Das Programm, das auch Kat Kaufmanns Road Novel „Die Nacht ist laut, der Tag ist finster“ und Bob Dylans Autobiographie „Chronicles“ enthielt, war stimmig.

Doch im hart umkämpften deutschen Buchmarkt hatte es der Tempo-Verlag nicht leicht. Zudem verließ Kampa nur ein halbes Jahr nach dessen Gründung das Haus. Seine Nachfolgerin Birgit Schmitz legte nun das Herbstprogramm des Verlags vor, in dem sich auch die Reihe „Do Books“ findet: In ihr erscheint Ratgeberliteratur zu Themen wie „Imkern“, „Anpflanzen“ und „Einmachen“. Was hat das mit Pop-Kultur zu tun? Eine HoCa-Sprecherin sagt, die Autoren der Reihe seien sehr jung, der „Imkern“-Autor sei erst 18 Jahre alt. Und im Übrigen liege „Gardening“ im Trend.

Sehr überzeugend kling das nicht. Kann es sein, dass die Service-Titel nur in das Programm aufgenommen wurden, weil sich Ratgeberliteratur generell gut verkauft? Die Sprecherin verneint das. Die ersten Programme des Tempo-Verlags seien „gut“ angelaufen.

Nur ein Titel zur Studentenrevolte im aktuellen Programm

In Branchenkreisen sieht man das anders. „Frau Schmitz versucht zu retten, was zu retten ist“, sagt ein Verlagsmanager, der HoCa gut kennt. Er wundert sich aber, dass die Verlagsleiterin ein Thema übersehen habe, das sich nicht schlecht verkaufen würde und zum Verlag passe: 2018 jährt sich zum 50. Mal die Studentenrevolte von 1968, die für die Pop-Kultur nicht so ganz unwichtig war. Ein Titel zu diesem Thema findet sich im aktuellen Programm nicht.

Egal, ob die Service-Büchlein den Verlag nach vorn bringen: Der Niedergang der Marke „Tempo“ lässt sich wohl kaum aufhalten. Das Zeitgeist-Magazin stand für ziemlich viel, auch für viel Quatsch – aber nicht für Ratgeber.

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Morning Briefing wohl auch in englischer Sprache

Neues von Gabor Steingarts Morning Briefing: Der ehemalige Geschäftsführer der Handelsblatt Media Group hat für seinen Newsletter, der ab 11. Juni erscheinen soll, Chelsea Spieker angeheuert. Sie war bisher bei der englischsprachigen „Global Edition“ des „Handelsblatts“ für die internationale Koordination zuständig. Zu ihren Aufgaben gehörte ausweislich ihres Eintrags im Karriereportal LinkedIn das Übersetzen von Texten.

Wie es in Steingarts Umfeld heißt, wird sein Morning Briefing auch in englischer Sprache erscheinen. Er selbst war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Unklar ist noch immer, wie er den Erscheinungstermin seines Newsletters halten will. Wie berichtet, lässt „Handelsblatt“-Verleger Dieter von Holtzbrinck Steingart nicht aus seinem Vertrag. Es gibt keine Anzeichen, dass sich daran etwas geändert hat.

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