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Belästigungsvorwürfe – WDR verspielt seinen guten Ruf

Beim WDR äußert sich kaum jemand zu den Vorwürfen sexueller Belästigung. Es scheint, als herrsche bei dem Sender ein Klima der Angst.

Warum zahlen wir den Rundfunkbeitrag?

Immer wieder steht der Rundfunkbeitrag in der Kritik. Dabei ist er als ein Pfeiler unserer Demokratie gedacht. Wir zeigen, wofür wir den Beitrag eigentlich zahlen.

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Berlin.  Der WDR tut gerade alles, um seinen guten Ruf zu verspielen. Zwei seiner Redakteure werden verdächtigt, Kolleginnen mitunter massiv sexuell belästigt zu haben. Und was tut der Sender? Er spielt auf Zeit.

Einen Fragenkatalog unserer Redaktion zu den Fällen ließ er so gut wie unbeantwortet. Dabei spricht insbesondere der neueste Fall dafür, dass ranghohe WDR-Mitarbeiter früh von den Vorwürfen sexueller Belästigung wussten und nichts taten.

So erzählt man sich die Geschichte im WDR, über die zuerst Correctiv und Stern.de berichteten: Im Juni 2010 wird ein Mitarbeiter bei der damaligen Intendantin des Senders Monika Piel vorstellig. Er hat erfahren, dass ein WDR-Redakteur mehrere Kolleginnen sexuell belästigt haben soll.

Die Intendantin übergibt den Vorgang an ihre damalige Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff. Auch der Personalrat wird eingeschaltet. Eine Personalrätin spricht mit den betroffenen Frauen und übergibt Kulenkampff anschließend eine DIN-A4-Seite, auf der die Vorwürfe gegen den Redakteur zusammengefasst sind.

Whistleblower mit arbeitsrechtlichen Schritten gedroht

In den Vorgang sind mittlerweile auch die damalige Leiterin der Programmgruppe Ausland und heutige Chefin des ARD-Hauptstadtstudios Tina Hassel als direkte Vorgesetzte des Mannes und der damalige Chefredakteur Jörg Schönenborn involviert, der heutige WDR-Fernsehdirektor.

Doch weil die mutmaßlichen Opfer des WDR-Redakteurs den Senderhierarchen ihre Identität nicht preisgeben wollten, verläuft die Sache im Sande. Sie hat nur eine Konsequenz: Dem Mitarbeiter, der mit seinem Vorstoß die Sache ins Rollen brachte, werden arbeitsrechtliche Konsequenzen angedroht.

Der WDR will das alles nicht kommentieren – auch nicht, warum man als öffentlich-rechtlicher Sender einem Whistleblower mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen droht. Eine Sprecherin bestätigt nur, dass in diesem Fall nichts geschah, weil die mutmaßlichen Opfer „ausdrücklich“ darum gebeten hätten, ihre „Anonymität zu wahren“.

Beim WDR scheint ein Klima der Angst zu herrschen

Verwunderlich ist das nicht: Spricht man mit Personen, die mit der Sache zu tun haben, spürt man, dass im WDR ein Klima der Angst herrschen muss. Und sonst? Hassel, die einst auch Chefin des Auslandskorrespondenten war, der seit 1991 Kolleginnen belästigt haben soll, antwortet auf eine Mail ebenso wenig wie Schönenborn. Kulenkampff, immerhin, sagt, sie könne sich an die Sache „nicht erinnern“.

So bleibt nur ein nichtssagendes Interview, das Intendant Tom Buhrow der dpa gegeben hat. Er merkte in ironischer Absicht an, Verlage schienen von sexueller Belästigung „auf wundersame Art ausgenommen zu sein“. Nein, sind sie nicht. Gerade erst hat sich Axel Springer deswegen von einem hochrangigen Manager getrennt. Daran könnte sich Buhrow ein Beispiel nehmen.

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