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Nachrichten im Netz: Das Print-Internet-Paradoxon

Für gedruckte Magazine zahlen die Deutschen gern, nicht aber für Journalismus im Internet. Warum ist das so? Drei Erklärungsversuche.

„Lügenpresse“ war das „Unwort des Jahres 2014“.

„Lügenpresse“ war das „Unwort des Jahres 2014“.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Berlin.  Jedes Jahr Anfang November fallen für zwei Tage Zeitschriftenverleger aus ganz Deutschland in Berlin ein. Sie treffen sich zum sogenannten Publishers’ Summit, auf dem sie über die Zukunft ihrer Branche sprechen. Am Abend des ersten Tages wird dann auf der „Publishers’ Night“ groß gefeiert.

Dieses Jahr werden sie am 6. und 7. November in der Hauptstadt sein. Und gleich am ersten Tag wird der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) als Veranstalter den Tagungsteilnehmern eine positive Nachricht präsentieren: Laut einer vom VDZ beim Institut für Demoskopie Allensbach in Auftrag gegebenen Studie sehen neun von zehn Deutschen „qualitativ hochwertigen Journalismus“ als wichtig für Demokratie und Gesellschaft an. Konkret sind es 88 Prozent.

Lautstarke, aber überschaubare Minderheit

Und es mag Zufall sein, aber es fällt schon auf, dass die zwölf Prozent, die zu 100 Prozent fehlen, ziemlich genau dem Ergebnis entsprechen, das die AfD bei der Bundestagswahl im September erzielte. Bekanntlich kamen die Rechtspopulisten damals auf 12,6 Prozent der Stimmen. So oder so: Die „Lügenpresse“-Brüller sind zwar eine sehr lautstarke, aber auch eine überschaubare Minderheit.

Obwohl sich VDZ-Geschäftsführer Stephan Scherzer über das Ergebnis der Untersuchung freut, bedauert er auch, dass es „kein ausgeprägtes Bewusstsein dafür“ gebe, „wie sich Medien finanzieren, um ihre Qualität zu halten“. Damit spielt er auf ein weiteres Ergebnis der Erhebung an. Demnach geben die Deutschen für Zeitschriften monatlich 240 Millionen Euro aus. Das sind pro Kopf – vom Säugling bis zum Greis – drei Euro im Monat. Im weltweiten Vergleich ist das ein Spitzenwert.

Fehlt beim digitalen Journalismus das haptische Erlebnis?

Zugleich jedoch wollen die Bundesbürger für Internet-Journalismus nicht zahlen. 67 Prozent von ihnen sind nicht bereit, für journalistische Angebote im Internet Geld auszugeben. Wie passt das zusammen? Es gibt drei Ansätze, um dies zu erklären.

Gedruckte Magazine haben eine taktile Dimension. Womöglich fehlt den Deutschen beim digitalen Journalismus das haptische Erlebnis. Dagegen spricht, dass zu den 240 Millionen Euro, die wir monatlich für Zeitschriften ausgeben, auch die Ausgaben für digitale E-Papers mitgezählt werden. Im Auflagenmix spielen sie eine immer wichtigere Rolle, während der Anteil gedruckter Exemplare zurückgeht.

Jeder dritte Deutsche zahlt monatlich neun Euro für Zeitschriften

Der zweite Erklärungsansatz geht davon aus, dass die Annahme, jeder Deutsche würde drei Euro im Monat für Zeitschriften ausgeben, eine rein rechnerische Betrachtung ist. Natürlich kauft kein Säugling Zeitschriften. Und womöglich ist auch unter Erwachsenen der Anteil derer groß, die nie in ein Magazin schauen. Die Annahme könnte realistisch sein, dass jeder dritte Deutsche monatlich neun Euro für Zeitschriften ausgibt.

Und eventuell ist dieses Drittel der Bevölkerung identisch mit dem, das bereit ist, für Journalismus im Internet Geld auszugeben. Doch wenn der Anteil der Deutschen, die sich über journalistische Produkte informieren, so gering ist, wie kommen dann die 88 Prozent der Bundesbürger zustande, die laut Allensbach Journalismus wichtig finden? Reden da Blinde von der Farbe?

Internet-Journalismus ist anderes ist als Zeitungsjournalismus

Vielleicht führt Ansatz drei weiter: Kostenlose Nachrichten gibt es im Netz überall: auf Portalen von Verlagen, aber auch bei T-Online, dem Nachrichtenportal des Außenwerbers Ströer. Manche Unternehmen lassen auf ihren Seiten Nachrichtenticker laufen. Die Nutzer schätzen all diese Angebote. Sie surfen in der Mittagspause oder auf dem Weg zur Arbeit zu den Portalen, um sich kostenlos auf den neuen Stand zu bringen. Das heißt aber nicht, dass sie sich weigern würden, für vertiefende Hintergründe, Analysen und Reportagen zu zahlen.

Genau diesen Lesestoff bieten Zeitschriften – und inzwischen auch Zeitungen. Womöglich lässt sich das Print-Internet-Paradoxon damit erklären, dass schlichter, kaum veredelter nachrichtlicher Internet-Journalismus etwas ganz anderes ist als Zeitschriften- und Zeitungsjournalismus.

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