Geschichten aus Zoo und Tierpark

Echte Krokodile sind Brillenkaimane nicht

Kräftige Kiefer, spitze, nachwachsende Zähne und immer wieder einen Mordshunger – Krokodile sind gefährlich. Aber sie sind zu bezwingen.

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Zooreporterin Tanja Laninger hat im Aquarium des Berliner Zoos die Brillenkaimane besucht. Dort wurden die Pfleger zu Geburtshelfern.

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Man muss ihnen einfach das Maul zuhalten. Dazu benötigt man zwei Hände und – zugegeben – etwas Chuzpe. Das genüge, sagen die Reptilien-Kenner im Aquarium des Berliner Zoos. Revierleiter Klaus Marquardt, Vize-Chef Ronny Keßner und Tierpfleger Thomas Warkentin haben schon mehrfach ihre Zöglinge eingefangen. Denn wer krank wird, muss zum Arzt. „Betäuben kann man Krokodile nicht“, erklärt Thomas Warkentin. „Entweder sie merken nichts, oder sie wachen nicht mehr auf.“

Doch was tun, wenn ein Brillenkaiman Darmprobleme hat? Dann gehen die Tierpfleger zu zweit mit Besen und Käscher in die Krokodilhalle, fangen das kranke Geschöpf und tragen es auf die Krankenstation. Einer greift das Hinterteil, der andere das Maul. „Das ist leicht. Die Muskeln, die die Kiefer öffnen, sind schwach“, sagt Warkentin. Nur die zum Zuklappen sind mächtig. Deshalb überlebt man eine Krokodilsattacke so selten.

Den Brillenkaimanen haben die Zugriffe nicht geschadet: Ende 2010 sind erstmals Jungtiere geschlüpft. Die jetzige Vierer-Gruppe stammt aus verschiedenen Beschlagnahmungen, ihr Alter ist unbekannt.

Nun sind Krokodile durchaus „uralt“: Mit den Vögel sind sie die einzigen Überlebenden der ältesten Reptilien, der Archosaurier, zu denen auch Flugsaurier und Dinosaurier gehören. „Ihr Design ist 250 Millionen Jahre alt“, kommentierte der englische Tierzeichner Martin Knowelden in seinem Skizzenbuch „Überlebenskünstler in der Tierwelt“. Um auf der Zeitleiste nicht ganz so weit zurückzugehen: Mayas (10. Jhd.) und Azteken (14. Jhd.) glaubten laut Wikipedia, dass die Welt auf dem Rücken eines großen krokodilähnlichen Reptils in einem Seerosenteich ruht. Wie majestätisch. Im modernen Kasperletheater hat die Figur den Ruf weg, gierig und gefährlich zu sein.

In der Krokodilhalle teilen sich die drei bis 1,5 Meter langen Weibchen und das eine Männchen die „kleine Seite“. Eine von ihnen, „die Dicke“, wie Warkentin sagt, dominiert die Übrigen. Trotzdem hat „der Große“ in einem schwachen Moment „die Dünne“ begattet. „Kurz darauf war das Weibchen häufiger als sonst an Land zu sehen“, sagt Warkentin.

Gewöhnlich halten sich Krokodile im Süßwasser auf und zum Atmen ihre Nasenlöcher über Wasser, die so weit oben am Kopf liegen, dass man den Rest ihres Körpers gar nicht sieht. Perfekte Tarnung! Doch die trächtige Dame schob nun so viel Sand wie möglich zu einem ein Meter hohen Hügel zusammen – so sieht „Nestbau“ bei Krokodilen aus. Dann legte sie Eier ab.

Warkentin und Kollege buddelten 17 wieder von Hand aus. Die meisten waren unbefruchtet. Doch 87 Tage nach der Ablage, als Warkentin nach der Frühstückspause im Brutkasten nach dem Rechten sah, quakte es in einem Ei. „Krokodile stimmen mit ihren Geschwistern akustisch den Zeitpunkt ab, zu dem sie alle gleichzeitig aus dem Ei schlüpfen“, sagt Warkentin. Es ist Selbstschutz: Wenn sie in einer größeren Menge auftauchen, dürften einzelne von ihnen den Angriff eines Prädators, also Fressfeindes, überleben.

Warkentin schabte damals mit einer kleinen Plastikkarte am Ei, drinnen quakte es – plötzlich schaute eine Krokodilsschnauze aus der Schale. Das einzige Geschwisterchen folgte ein paar Stunden später. Die beiden leben nun in einem auf 27 Grad temperierten Wasserbassin. Einer ist mit mehr als 40 Zentimetern doppelt so groß wie der Andere. „Er oder sie war von Anfang an fitter und frecher und frisst besser“, sagt Warkentin. Zur Ration gehören Heimchen, Grillen, Stinte und Babymäuse.

Die andere Panzerechse ist nur halb so lang, schüchtern und verschmust. Wenn Warkentin sie aus dem Becken nimmt und mit dem Daumen über ihren Kopf streicht, schließt sie die Augen und reißt ihr Maul auf. Dabei verschließt die am Mundboden festgewachsene Zunge den Rachen – praktisch für Tiere, die ihre Beute unter Wasser ziehen. Wer will sich beim Fressen schon verschlucken? Zwischen den Augen, wo Warkentin rubbelt, tragen Brillenkaimane eine Hornleiste, die wie der Steg einer Brille aussieht – daher der Name.

Echte Krokodile sind Brillenkaimane übrigens nicht. Wer sie in freier Wildbahn – also im südlichen Mittel- und im nördlichen Südamerika – unterscheiden will, hier ein Tipp: Bei den Echten kann man selbst bei geschlossenem Maul immer den vierten Unterzahn sehen. Denn der Oberkiefer ist an der Andockstelle eingekerbt. Bei Kaimanen ist bei geschlossenem Schlund kein Zahn zu sehen. Nur fürs Aquarium bringt der Tipp wenig. Warkentin sagt: „Zwei unserer Tiere haben Überbiss. Bei ihnen sieht man alle Zähne, selbst bei geschlossenem Mund.“

Weitere Kolumnen von Tanja Laninger: unter www.morgenpost.de/tierfamilie