Geschichten aus Zoo und Tierpark

Mit Käscher und Handbesen auf Tierjagd

Wir sind im Winterquartier" steht auf dem Schild. Es ist 9:30 Uhr am 19. Mai 2011 - der Tag, an dem die Murmels umziehen. Hinter dem Schild stehen zwei Männer in Grün in einer Grube. Das Freigehege der Murmeltiere ist durch Steine und Mauern und im Boden durch Beton gesichert, damit die Erdhörnchen sich nicht ausgraben.

Die Männer fegen Laub auf und stutzen überhängende Pflanzen - wie das giftige Pfaffenhütchen - und schütten Heu aus. Noch befinden sich die Erdhörnchen ganz woanders, wenn auch nicht mehr im Herkunftsland, den österreichischen Alpen. Die haben Sissi, Anton und Franzl vor drei Jahren verlassen, als sie vom Zoo Innsbruck nach Berlin kamen. Jetzt stecken sie in einer großen, ummauerten Holzkiste im Keller des Bergtierfelsen, 40 Meter östlich des Freigeheges. Draußen sind es 26, im Keller höchsten acht Grad. Reviertierpfleger Kurt Goedicke und sein Kollege Tino Becker klettern aus der Grube und gehen in den Keller. Goedicke greift nach einem Kescher, Becker nimmt sich einen Handbesen. Sie nicken sich zu. Es ist 9:51 Uhr. Goedicke hebt den Deckel der Box. Darin sitzt Franzl. Oder ist es Anton? Oder Sissi?

Die Mini-Sippe hat den ganzen Winter in der sechsteiligen Box verbracht. Meist im Winterschlaf, starr und strack, ohne zu essen oder zu trinken. In diesem Zustand werden die Atempausen länger, der Herzschlag senkt sich, Magen und Darm schrumpfen. "Etwa alle vier Wochen sind die Tiere aktiv geworden, um Kot abzusetzen", sagt Goedicke. Schon am 5. April waren verräterische Geräusche zu hören. Ein Brummen und ein Fiepen - die typische Murmeltier-Mann-Frau-Kommunikation beim Deckungsakt. Die Tragezeit beträgt bis zu 34 Tage. "So lange haben wir gewartet", sagt Goedicke. Doch gefruchtet hat es nicht, Nachwuchs kam keiner. Eine Nachricht, die eine der 300 Zootierpaten traurig zur Kenntnis nimmt. Sabine A. verfolgt den Umzug "ihrer" Murmeltiere vor Ort. Vor Jahren hatte ihr Mann ihr zum Hochzeitstag eine Patenschaft für ein Murmeltier geschenkt. 200 Euro kostet das - der Gatte erneuert jährlich das Geschenk. Von dem Geld wird Futter gekauft. Als Dank dürfen die Spender beim Patentreffen hinter die Kulissen schauen. Dort keschert Goedicke die Murmeltiere gerade der Reihe nach ab und setzt sie in eine lila Transportkiste. Becker schiebt sie mit dem Schubkarren ans Freigehege. Schulklässler belagern das Gefährt. Goedicke warnt: "Steckt eure Finger nicht durch das Gitter. Murmeltiere beißen zu." Den umgekehrten Fall gibt es wohl auch: Im Internet kursieren Rezepte zum Grillen von Murmeltieren; ihr Fett gibt es auf manchem Markt zu kaufen.

Und als fürchteten sie ein solches Ende, verstecken sich die Erdhörnchen im Felsenbau, kaum dass Goedicke sie aus der Plastikbox gezogen hat wie Kaninchen aus einem Hut. 10:12 Uhr. Knapp 20 Minuten hat der Umzug gedauert - im Gegensatz zu einem Ortswechsel eines kompletten Zoos, den der Berliner Autor Kay Fischer in seinem jüngsten Roman "Zootopolis" beschreibt. Goedicke wechselt das Schild aus. Den nächsten Umzug gibt's erst im Herbst.

Weitere Kolumnen von Tanja Laninger: unter www.morgenpost.de/kolumne/laninger