Stadtflucht

Warum es beim Gärtnern nicht nur um die Natur geht

Jeder Mensch sollte einmal im Leben eine eigene Pflanze haben, um die Welt zu verstehen, schreibt Kolumnistin Uta Keseling.

Ein Gärtner erntet Kartoffeln.

Ein Gärtner erntet Kartoffeln.

Foto: pa

Wenn jeder Mensch eine persönliche Pflanze hätte, wäre die Welt besser. Und das nicht mal nur wegen des klimatischen Gewinns, das meine ich gar nicht mal. Als wir am Wochenende Kinder zu Besuch hatten, wurde mir mal wieder vor Augen geführt, worum es in der Welt wirklich geht – darum nämlich, selbige zu verstehen. Und zwar richtig und nicht so, wie Erwachsene sie Kindern erklären. An dieser Art Welterklärung kann man schon mit vier seine Zweifel haben.

Der Besuch begann mit dem üblichen Oooohhh-Katze-Streicheln, das jeden Kinderbesuch bei uns einläutet. Auf der Hinfahrt wird den Kleinen erklärt, sie erwarte bei uns (den Fremden) eine kinderfreundliche Katze (was stimmt), die man streicheln kann – was, nun ja, nur die halbe Wahrheit ist. Die Ankündigung soll für gute Stimmung sorgen, aber dann passiert immer dasselbe.

Sobald die Kinder den Deal mit der Streichelkatze kapiert haben – Streicheln ja, aber nur gegen Futter –, finden sie das langweilig. Eine auf diese Art gekaufte Freundlichkeit kann ein Unterhaltungsgag sein, aber Kinder sind eben mit einem anderen Auftrag in unserer Welt unterwegs.

Beziehungsweise in unserem Garten. Während wir Erwachsenen uns mit der Begründung „letzter schöner Sommertag“ in die Liegestühle fläzten und bei Pfirsichkuchen über die Kriege und Wirren räsonierten, gingen die Kinder, zwei und viereinhalb Jahre alt, auf Entdeckungsreise. Vielleicht auch nur, weil ihr Vater ihnen erklärt hatte, Bibi und Tina seien im Auto geblieben und könnten da jetzt leider nicht heraus.

Jedenfalls entdeckten die Kinder die ersten Haselnüsse des Jahres am Boden. Mithilfe eines Nussknackers wurde erforscht, dass die Schale immer erst ab muss, bevor man eine Nuss essen kann, wo man noch mehr Nüsse herbekommt (nicht vom Papa, sondern vom Baum) – und dass man akzeptieren muss, dass nicht jede Nuss auch einen Kern enthält, auch wenn man deswegen heult.

Als nächstes waren Erbsen dran (süß), Pfirsiche wurden auf ballistische Eigenschaften getestet, dann gab es Trauben vom Weinstock. Danach mussten Kartoffeln fürs Abendessen geerntet werden. Ausgerüstet wie für eine Safari (Schaufeln, Schüsseln, Schuhwerk) zogen wir ins

Beet. Die eine Erntehelferin quietschte aufgeregt wie beim Eiersuchen, sobald ich die nächste Kartoffelpflanze herauszog und zupfte zufrieden die gelben Knollen ab. Die andere buddelte sich maulwurfsgleich Richtung Zucchini. Schließlich kam der Vater der Mannschaft nachschauen. Und staunte. Und fragte. Mit was so eine Baby-Kartoffel eigentlich mit ihrer Pflanze verbunden ist? Wie so eine Pflanze blüht? Wie lange sie zum Reifen braucht? Und das Saatgut sind tatsächlich nur Kartoffeln mit Augen?

Es stellte sich heraus: Der Stadtmensch, der uns mit den Kindern besuchte, hat zwar die Kriege und Krisen der Welt gesehen, spricht mehrere Sprachen, kann als waschechter Berliner das Vorher und Nachher des Kalten Krieges erklären und hervorragend kochen. Hatte aber noch nie eine Kartoffel von Nahem wachsen gesehen. Ein Versäumnis.

Ich selbst hielt als Kind Natur für etwas Gestriges, eine Erfindung aus Märchen, Kinderbüchern und Erzählungen meiner Eltern. Die sagten: Wer wie sie im Krieg nur das zu essen hatte, was in Omas Schrebergarten wuchs, sei dankbar für Konservengemüse und Pizza.

Ja, würde ich entgegnen: Und trotzdem. Wer weiß, wie Kartoffeln und Bohnen wachsen, lässt sich keine Märchen mehr auftischen. Nicht übers Essen und nicht über die Welt. Jeder Mensch sollte deswegen mindestens einmal im Leben eine eigene Pflanze haben. Im Grunde sollte das eine Art Menschenrecht sein.