Geitels Geschichten

Der Rücken des Dirigenten

Klaus Tennstedts Namenszug findet sich leider nicht in meinem Autogrammbuch. Das Büchlein hatte ich allerdings längst zur Ruhe gebettet mit den Unterschriften von Lemeschew, dem sowjetischen Super-Tenor und singendem Filmhelden der UdSSR, und Lew Oborin, dem berühmten russischen Pianisten. Man schrieb den 16. April 1947 und damit eine neue Zeit.

Die herausfordernde Nachkriegszeit hatte begonnen. Ich hörte die russischen Gäste in Halle an der Saale, wo ich im Jahr zuvor zu studieren begonnen hatte. Der Konzertsaal wurde von der russischen Armee geradezu gestürmt. Über die Hintertreppe schmuggelte ich mich in den Saal. Die Künstler wurden mit tobendem Beifall begrüßt. Ich quetschte mich nach ihrem Auftritt ins Künstlerzimmer.

Zum letzten Mal präsentierte ich Künstlern mein inzwischen geradezu denkwürdig morsch gewordenes Autogrammbuch. Es hatte nur einen Nachteil: ich hatte Klaus Tennstedt vergessen. Dabei hatte ich ihn bereits unzählige Male gehört. Tennstedt war damals Konzertmeister des Hallenser Opernorchesters und führte es von Erfolg zu Erfolg, wobei ihm natürlich ein exzellentes Ensemble zur Seite stand, angeführt von einem Tenor sondergleichen: Heinz Sauerbaum, den sich Walter Felsenstein sofort an die Berliner Komische Oper angelte, wo er ihn unter dem heimgekehrten Otto Klemperer den Don José in seiner "Carmen"- Inszenierung singen ließ. Tennstedt blieb derweil in Halle zurück.

Notgedrungen, er hatte sich eine Handverletzung zugezogen und musste die Geige ein für allemal beiseite legen. Er griff an ihrer Statt nach dem Taktstock. Deutschland fiel unversehens ein Dirigent von Rang in den Schoss. Ostdeutschland zumindest. Aber das sollte sich ändern. Tennstedt rettete sich in den Westen und damit begann seine internationale Karriere. Die Engländer begannen alsbald, ihn als einen Ekstatiker der Sorgfalt und der Demut vor den von ihm aufgeführten Meistern zu verehren.

Eines Tages bekam ich einen liebenswürdigen Anruf. Das Hauptquartier von Electrola lud mich ein, umgehend nach London zu kommen, um eine Tournee des London Philharmonic Orchestra durch Japan, bis hinunter nach Okinawa, zu besprechen. Klaus Tennstedt sollte sie, als erste große internationale Tournee seines Lebens, leiten.

Das Orchester war Tennstedt offenkundig ergeben, es war nett zu ihm und sorgte jenseits der Konzerte für freundschaftliche Entspanntheit ringsum. Ich freundete mich überdies mit der wundervollen Frau Tennstedt an, die es mutig auf sich genommen hatte, ihrem Mann über Prag, und Moskau hinterher zuflüchten, als es ihm gelungen war, die DDR zu verlassen.

Tennstedt war der genialische Fremdkörper auf dieser Tournee. Er reiste offenkundig durch eine ihm ziemlich unbegreifliche Märchenwelt. Auf jeder Ankunftsstation, auf der es galt auszusteigen, hatte sich lange im Voraus schon ein japanisches Fernsehteam platziert, die Ankunft Tennstedts mit der Kamera aufzunehmen.

Jedes Mal aber, wenn Tennstedt den Haufen von Leuten mit den Kameras warten sah, drehte er sich schlagartig um, bloß um herauszufinden, wem sie denn soviel Ehre zuteilkommen lassen würden. So sammelte die japanische Television unversehens wohl allmählich die größte Sammlung von Rückenansichten Tennstedts ein.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern

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