Geitels Geschichten

Der Goldjunge von der Brücke

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Nun kann's ja wieder losgehen - und diesmal gleich dreifach: als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller. Schauplatz dieser Vielfachbegabung und Unermüdlichkeit, selbst im Alter von inzwischen über 70 Jahren, ist für Folker Bohnet diesmal das Schlosspark-Theater.

Dort spielt er die Hauptrolle in der eigenen Inszenierung seines jüngsten Stücks: "Ein Goldjunge für Emily". Mal sehen, ob er noch immer den Goldjungen spielt, der sich über Jahrzehnte hin auf der Bühne erfolgreich versilberte, oder ob er diesmal in eine andere Rolle schlüpft. Aber ein Mann wie er, elegant, humorvoll, unternehmungslustig, kann gar nicht alt werden.

Die Brücke zu seiner Karriere schlug 1959 tatsächlich eine "Brücke": die entsetzensvoll schmerzliche, die Bernhard Wicki damals in seinem vielbewunderten Film errichtete. Auf ihr kamen die jungen Soldaten zu Tode, die Hitler in den letzten Augenblicken seines Krieges unsinnigerweise verheizte. Der Film wurde für einige der jungen Leute zum künstlerischen Sprungbrett. Unter ihnen Volker Lechtenbrink und Folker Bohnet.

Der Unterschied zwischen den beiden Großbegabungen war eigentlich nur, dass der eine seinen Vornamen mit "V" schrieb, der andere mit "F". Die Druckfehler waren damit vorherbestimmt. Aber nicht sie machten die jungen Männer bekannt. Es war ihr rückhaltloser Einsatz für die Theaterkunst, ihre schlanke Virilität, ihre Lust, sich künstlerisch zu verausgaben und sich gleichzeitig die Treue zu halten. Sie verstanden, das Publikum zu begeistern. Das zahlte sich aus. Beide machten Karriere.

Bohnet war aber wohl der Unruhigere der beiden. Er ging auf seinen jungen Beinen keinem Risiko aus dem Weg. Es war beim besten Willen nicht voraus zu sehen, wo er am Ende landen würde. Immerhin aber spielte er den Hamlet, den Romeo, die großartigsten Rollen der jungen Helden, die keinen Platz lassen, sich vor ihren Herausforderungen zu drücken. Ein Drückeberger dieser Art aber war Folker Bohnet nie. Er wusste, es wurde von der Kunst erwartet, sein Leben für sie einzusetzen - und sein Lieben dazu. Er wusste aber auch von Anbeginn, das Eine konnte ohne das Andere nicht sein.

Er hatte aber auch zu lernen, dass mit des Geschickes Mächten nun einmal kein ewiger Bund zu flechten sei. Als ihn Luchino Visconti für seinen Film über "Ludwig II." verpflichtete, spielte Bohnet darin den damals größten deutschsprachigen Schauspieler: Joseph Kainz. Eine Herausforderung sondergleichen. Er bestand sie mit Bravour. Nur hatte wohl keiner mit der Länge des Films gerechnet, der offenbar nach Kürzungen schrie, um das deutsche Publikum nicht zu langweilen. Gnadenlos schnitt man Bohnets Leistung als Kainz zu Scherben. Von derartigen Verletzungen erholt man sich schwer.

Auch Bohnet brauchte Zeit, diese Wunde heilen zu lassen. Vielleicht setzte er sich um diese Zeit an den Schreibtisch, um eigene Stücke zu schreiben, durch die Bank Lustspiele, keine Tragödien. Von denen hatte er inzwischen genug durchlebt und durchlitten.

Er war immer humorvoll gewesen, nun setzte er seine Trumpfkarte auf Heiterkeit. Nacheinander entstanden "Meine Mutter tut das nicht", "Die Hausdame", "Morgenstund hat Gold im Mund". Nicht umsonst hatte sich Bohnet zuvor schon als Regisseur von Curt Goetz erprobt - und dabei offenbar das Komödienschreiben gelernt.

Es gab immer Schauspieler, die sich als Komödienautoren feiern ließen. Man muss nur an Molière denken. Aber auch Sterblichere verstanden sich gut auf das heitere Handwerk. Zwischen Molières "Tartuffe" und Curt Goetzens "Ingeborg", beide übrigens von Folker Bohnet inszeniert, gibt es wohl den Unsterblichkeitsabstand, aber ein vergleichbares dramatisches Raffinement. Das Stückeschreiben ist und bleibt lernbar. Bohnet hat es gelernt.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern