Digital Dad

Spaziergänger mit geschlossenen Augen

| Lesedauer: 4 Minuten
Hat eine Tochter  und einen Sohn:  Felix Müller.

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller.

Foto: Maurizio Gambarini / Funke Foto Services

Die Tochter von Felix Müller will schon länger im eigenen Bett schlafen, aber manchmal hindert sie etwas daran: das Schlafwandeln.

Ich möchte an dieser Stelle mal über eine Tätigkeit sprechen, mit der ich ungefähr ein Drittel meines Lebens beschäftigt bin: dem Schlafen. Meine Frau und ich haben uns, nachdem wir viele Jahre auf einem baufälligen Provisorium genächtigt haben, im vergangenen Jahr ein sogenanntes Boxspringbett zugelegt – also ein Modell, das anstelle eines Lattenrostes einen Federkernkasten hat, auf dem wiederum eine Matratze liegt. Es ist ein wunderbares Bett, das wurde mir schon beim Probeliegen im Bettenladen klar. Nie in meinem Leben, Urlaube in diversen Hotels eingerechnet, wurde ich derart komfortabel empfangen. Theoretisch könnte ich hier Nächte von der Erholungsqualität eines verlängerten Wochenendurlaubs verbringen. Theoretisch. Könnte.

Denn wir haben eine zehnjährige Tochter. Sie ist die beste Tochter der Welt, das ist gar keine Frage. Sie versteht es deshalb auch, wenn ich sie darum bitte, die Nächte in ihrem eigenen Bett zu verbringen. Meine Argumente sind ja einleuchtend: Ich brauche meinen Schlaf. Ich bin den Großteil meines Tages mit Texten beschäftigt, die ich entweder lese oder schreibe. Wenn ich unausgeschlafen bin, brauche ich dafür viel länger, weil ich mich schlechter konzentrieren kann. Okay, sagt meine Tochter dann, schiebt ihre Unterlippe ein bisschen vor und zieht sich in ihr Zimmer zurück. Das gibt mir immer einen kleinen Stich, aber es ist besser so. Den nächsten Stich gibt mir dann mein Rücken, wenn ich morgens viel zu früh in seltsamer Verrenkung aufwache, neben mir die quer über das Bett gebreitete Tochter. Irgendwo im Bett liegt dann auch meistens noch unser kleiner Hund, der angesichts der Versammlungsdichte von Familienmitgliedern auch gern mit dabei sein wollte. Ich stöhne. Er sieht mich fragend an.

Unsere Tochter schlafwandelt nachts zu uns. Sie hat das wohl von mir geerbt. Ich habe hier schon einmal geschildert, dass ich, als ich 14 Jahre alt war, im tiefsten Winter nachts einen Spaziergang durch das elterliche Haus und den Garten antrat, vom Schnee merkte ich nichts. Mein Vater fand mich in der Garage vor seinem Werkzeugschrank und weckte mich auf. Ich wüsste immer noch gern, was ich damals reparieren wollte. Mit Mitte 20 stand ich einmal mitten in der Nacht nackt im Treppenhaus, das laute Zuknallen der Wohnungstür hatte mich geweckt. Nur mit Hilfe halsbrecherischer Artistik schaffte ich es auf den Balkon und von dort aus zurück in die Wohnung. Noch heute passiert es mir manchmal, dass ich im besten Bett der Welt einschlafe und auf dem Sofa wieder aufwache. Das führe ich dann meistens darauf zurück, dass ich im Schlaf vor meiner inzwischen zu uns gewandelten Tochter fliehe. Nur ist unser Sofa leider zu hart für guten Schlaf.

Ich habe mich ein bisschen mit Schlafwandelei beschäftigt und bin dabei auf ein paar interessante Fälle gestoßen. In Schottland hat sich ein Mann namens Robert Wood, der früher einmal Koch war, in medizinische Behandlung begeben, weil er im Schlaf Spaghetti Bolognese, Omelettes oder Geschnetzeltes zubereitet – und seine Frau sich Sorgen macht, er könnte den Herd angeschaltet lassen. In London kletterte eine 15-Jährige einen 40 Meter hohen Kran hinauf. Schaurig dagegen die Geschichte des Kanadiers Kenneth Parks, der am 24. Mai 1987 um 3.30 Uhr von seiner Couch aufstand, ins Auto stieg, 23 Kilometer fuhr und seine Schwiegermutter ermordete. Sein Schlafwandeln wurde medizinisch überprüft, er wurde wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen.

Zu meiner Erleichterung kann ich sicher sein, dass dergleichen bei uns nicht vorkommen wird. Meine Tochter und ich sind harmlose Schlafwandler. Es kommt ja nicht jede Nacht vor, und wenn es zu schlimm wird, gibt es auch einen Schlafzimmerschlüssel. Aber ich würde schon mal gern ein paar Videoaufnahmen sehen von dem regen Kommen und Gehen, das nachts in unserer Wohnung herrscht. Während wir schlafen.