Die Lebenden und die Toten

Flieg’ einfach davon

| Lesedauer: 7 Minuten
Andreas Kurtz
Synchronsprecherin Irina von Bentheim auf der Dachterrasse des Stilwerks.

Synchronsprecherin Irina von Bentheim auf der Dachterrasse des Stilwerks.

Foto: Christian Schulz

Die Mutter von Irina von Bentheim starb überraschend, das lange Sterben ihres Bruders Nicolai begleitete sie. 

So sind wir Kinder unserer Eltern: Erst kommen sie uns wahnsinnig peinlich vor, und dann sehnen wir uns nach ihren Peinlichkeiten. Auch der Synchronsprecherin Irina von Bentheim geht es so. Was würde sie darum geben, ihre Mutter Ursula von Bentheim noch einmal quer durch einen voll besetzten Saal „Püppilein!“ rufen zu hören.

Die Chance darauf schwand mit Mutters Frühpensionierung 1995 als Chefreporterin der Berliner Morgenpost, für die sie die beliebte Kolumne „Berlin privat“ geschrieben hatte. Die 60-Jährige zog nach Spanien, richtete sich dort fürs Alter eine Wohnung mit Meerblick ein. Die Tochter erinnert sich an ein Telefongespräch ein Jahr später: „Ich war zu dieser Zeit bei Radio Brandenburg und hatte irgendeinen Ärger, mit dem ich sie nicht behelligen wollte. Ihr ging es nicht gut, und sie wollte mich damit nicht belasten. Deswegen hatten wir einige Tage nicht miteinander telefoniert.“ Am Abend des Telefonats kam die Mutter von der Beerdigung der Tochter eines spanischen Freundes. „In Spanien werden die Toten aufgebahrt, damit sich jeder verabschieden kann. Das fand sie furchtbar. Davon war sie ganz mitgenommen. Und so bewegt sagte sie: ‚Ich werde ja 90!‘ Worauf ich widersprach: ‚Nein, Mami, Du wirst 100!‘ Dann haben wir aufgelegt. Sie ging ins Bett und ist nicht mehr aufgewacht.“

Die Familie traf sich in Spanien: „Mama lag im Kühlfach eines dieser wahnsinnig schicken Krematorien, die da gebaut wurden, weil so viele Menschen im Alter nach Spanien gehen.“ Bruder und Tante, die Schwester der Mutter, wollten die Verstorbene noch mal sehen. „Mein Bruder, so stark und groß und beeindruckend er war, so sehr war er dann doch ein Schisser. Und schickte die Tante vor. Sie ging rein, kam wutentbrannt raus, stürmte an die Rezeption und beschwerte sich, es wäre eine Unverschämtheit, ihr diese alte Frau zu zeigen, das wäre eine Verwechslung. Und sie möchte jetzt sofort ihre Schwester sehen.“ Daraufhin wurden die Mitarbeiter des Krematoriums ganz nervös. „Dann ging mein Bruder hinein und blieb eine Weile drin. Als er herauskam, sagte er: ‚Natürlich ist das Mami!‘ Sie sah eben anders aus.“

Plötzlich musste sie sich ganz neuen Realitäten stellen

Über ihre Mutter spricht Irina von Bentheim voller Bewunderung: „Sie hatte Präsenz, Ausstrahlung und Charme. Eine wunderschöne Frau, bis zum Schluss. Sie trug mit 60 noch Miniröcke, die ich mit 34 nicht mehr angezogen hätte.“ Die Mutter war sportlich und platzte vor Energie: „Sie qualifizierte sich noch mit 33, da hatte sie schon uns beide Kinder, für die 4x400-Meter-Staffel bei den Olympischen Spielen in Mexiko. Sie trainierte fast jeden Tag. Wegen einer Verletzung konnte sie dann aber nicht antreten.“

Nach der Trennung von Irinas Vater, dem bekannten Fernsehjournalisten Alexander von Bentheim, der zu den Gründungsmoderatoren der ARD-„Tagesthemen“ gehörte, stürzte sich die Mutter mit Anfang 40 ins Berufsleben. Wenn Irina von Bentheim ihre im Corona-Jahr gebastelte Collage aus Fotos der Familie betrachtet, zieht sie einen Vergleich: „Das ist, als ob du als Eltern Lino Ventura und Gina Lollobrigida hast.“ Aber nicht nur optisch findet sie ihre Herkunft bemerkenswert: „Ich komme ja aus einer Familie von zwei dermaßen charismatischen, ambitionierten, erfolgreichen Menschen, dass es ein Wunder ist, dass ich nicht noch gestörter bin.“

Für Irina von Bentheim teilt sich ihr Leben seitdem in die Zeit vor und nach Mutters Tod: „Von diesem 13. Januar 1997 an war alles ganz anders. Als meine Mutter starb, fiel ich von einem Moment zum anderen aus meiner Blase. In der hatte ich gedacht: Das Leben ist schön, und alles bleibt so, wie es ist.“ Plötzlich musste sie sich ganz neuen Realitäten stellen: „Es begann bald ein Ringen um den Pflichtteil des Erbes. Und dann hatte mein Bruder einen epileptischen Anfall am Steuer seines Autos, wodurch sein Hirntumor entdeckt wurde. Also pendelte ich zwischen Ärzten und Anwälten.“

Ihren Bruder sterben zu sehen, war das Härteste in Irina von Bentheims Leben bisher. „Wir haben uns zwar permanent gestritten, aber wir haben uns eben auch geliebt. Ich bin mit ihm zu den Ärzten, war bei ihm nach der OP. Dann habe ich meinen Bruder überredet, dass er ein vernünftiges Testament macht, schon für seinen Sohn.“

Während der Bruder litt, riss sie sich zusammen: „Ich habe natürlich die ganze Zeit funktioniert und gearbeitet, war vermeintlich immer die Starke.“ 2001 gewann sie das Casting für die Synchron-Hauptrolle der Serie „Sex and the City“, in der sie die deutsche Stimme von Sarah Jessica Parker, der Darstellerin von Carrie Bradshaw, wurde. „Anfang des Jahres hatte mein Bruder noch eine Chemotherapie angefangen. Nach einem Gespräch mit ihm machte ich mir echt Sorgen. Da hatte er gesagt: ‚Ich bin in einer Sackgasse und weiß nicht, wie ich da wieder herauskomme.‘ Da fehlte der Lebenswille.“

Bei einem der täglichen Telefonate im August war der Bruder plötzlich ganz euphorisch: „Der Krebs ist weg! Nicht mehr nachweisbar.“ Im September startete „Sex and the City“ in Deutschland. „Das hat er noch mitbekommen, er war total stolz auf mich.“ Im Oktober war der Krebs wieder da. Ein Anruf des Bruders: „Die können mir nicht mehr helfen.“

Irgendwann rückte der Termin einer von Irina von Bentheim gebuchten Kur in Indien immer näher. „Ich wusste nicht, was ich machen sollte, weil mein Flug in wenigen Tagen ging. Ich kann doch nicht weg, wenn mein Bruder im Sterben liegt.“ Sie fragte ihn, was sie tun solle. Die Antwort des Bruders: „Kümmre Du Dich mal um Deine Gesundheit, Du willst ja nicht so enden wie ich.“

Aber es ging schneller. Die Erinnerungen an den Abschied vom Bruder bewegen Irina von Bentheim heute noch stark: „Er sagte: ‚Du bist die beste Schwester von der ganzen Welt.‘ Und ich sagte ihm: ‚Du bist der beste Bruder von der ganzen Welt. Bitte grüß Mami und Abi, unsere Großmutter. Nico, mach Dir um nichts Sorgen, wir kümmern uns um alles. Flieg’ einfach davon.‘ Und in dieser Nacht ist er auch gestorben.“ Eine Erinnerung bereitet ihr heute noch Schmerzen: „Mein Bruder war ja schon nah an der Bewusstlosigkeit durch das Morphium. Er führte seine Hand immer wieder zu den Lippen. Das sah aus, als ob er Kusshändchen machen würde. Nico war ein starker Raucher, er wollte eine Zigarette. Ich konnte ihm die nicht geben. Und ich mache mir deswegen Vorwürfe.“