Mit vielen tatsächlichen oder vermeintlichen Sprachdummheiten geht es wie mit Sauerkraut und Eisbein: Manche mögen es, andere lehnen dieses Gericht entsetzt ab. Über Geschmack lässt sich eben nicht streiten. Keine Sprachdummheit, sondern eine ausgemachte Sprachpeinlichkeit ist der nicht auszurottende Gebrauch des falschen Kasus (falschen Falls) bei Präpositionen (Verhältniswörtern). Jede Präposition fordert einen bestimmten Kasus (fachsprachlich: Rektion), einige je nach Bedeutung sogar zwei: Die Erbensuppe kocht „in dem“ kleinen Topf (Dativ, wo?), dann gieße ich sie „in den“ großen Topf (Akkusativ, wohin?).

Eindeutig ist der Genitiv bei „wegen des Wetters“ oder bei „einschließlich des Begrüßungscocktails“ beziehungsweise der Dativ bei „nahe dem Bahnhof“ oder „gegenüber dem Rathaus“. Man kann diese Präposition auch nachstellen, was den Fall noch deutlicher macht: „Dem“ Rathaus gegenüber steht die Kirche.

Seit Bastian Sick den etwas gewagten Titel „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ gewählt hat, scheint alle Welt zu glauben, den Genitiv retten zu müssen, als sei er der aussterbende Wachtelkönig der Grammatik. Recht häufig ist jedoch der Dativ in Gefahr. Es heißt „nahe dem“ und nicht „nahe des“!

Gestern berichtete mir ein Nachbarjunge aufgeregt: „Wegen dem Regen fällt die Geburtstagsfeier auf dem Spielplatz aus!“ Eltern und Lehrer sind in solchen Fällen leicht geneigt, den Schwarzen Peter für das falsche Deutsch an die Zeitung weiterzureichen. Doch der Knirps liest gar keine Zeitung, besucht aber schon die 5. Klasse. Ich habe deshalb erhebliche Zweifel, ob die Erfüllung der Forderung nach immer mehr Lehrern die Sprachbildung unseres Nachwuchses entscheidend verbessern würde.

Das nicht flektierbare Wort „statt“ hat als Präposition den Genitiv nach sich: Statt „des Vaters“ (nicht: dem Vater) erschien die Mutter, und der Klassenlehrer sprach mit ihr statt „seiner“ (nicht: statt ihm). Ist der Genitiv im Plural nicht erkennbar, wird der Dativ gebraucht. Das gilt übrigens auch für „wegen“ oder „einschließlich“: statt Eiern, wegen Geschäften, einschließlich Getränken. Wird „statt“ nicht als Präposition, sondern als Konjunktion (Bindewort) benutzt, dann hängt der folgende Kasus nicht von „statt“, sondern vom Verb ab: Er gab das Geld ihr „statt ihm“ (statt es ihm zu geben).

Immer wieder werden das natürliche und das grammatische Geschlecht verwechselt. Das Mädchen entkam. Die Polizei fing „sie“ wieder ein. Nein, ohne den großen Fahndungserfolg unserer Beamten schmälern zu wollen, sei der Hinweis gestattet, dass nicht „sie“, sondern „es“ geschnappt worden ist. Übrigens ist auch Klein Fritzchen sächlich, nämlich „das“ kleine Fritzchen. Und wenn sich der Hosenmatz noch so sehr in Positur wirft – grammatisch bleibt Klein Fritzchen ein „es“ und kein „er“.

Der Einwand, ich schreibe „sodass“ stets zusammen, ist zwar gut beobachtet, aber kein Fehler. In der alten Rechtschreibung hieß es „so daß“ in zwei Wörtern, nach der Reform können wir sowohl „sodass“ als auch „so dass“ buchstabieren. Die meisten Medien richten sich, um die Einheitlichkeit zu wahren, nach der Empfehlung des Dudens und schreiben deshalb „sodass“ in einem Wort.

Zum Schluss ein Blick auf den inflationären Gebrauch des Adjektivs „mutmaßlich“. Als gute Demokraten halten wir uns an die Unschuldsvermutung. Wir sollten jedoch aufpassen, dass aus einer Unschuldsvermutung keine Tatvermutung wird. Jede Tat hat einen oder mehrere Täter. Falls ein Mann nachts eine Spielhalle überfällt, der Kassiererin das Messer an die Kehle hält und die Kasse leert, wir aber lesen: Der „mutmaßliche“ Täter trug eine helle Jeansjacke, so haben wir eine Sprachdummheit aus dem Polizeibericht übernommen.